Trauernde und die doppelte Isolation durch Corona

Was immer schon weniger einsam macht, ist zu wissen, dass es anderen ähnlich ergeht.

Was passiert wenn Corona auf Trauer trifft

Diese Situation ist neu und das für alle von uns. Als Trauerbegleiterin darf ich mit vielen Menschen sprechen, die in Trauer sind und erfahre hier, wie die Regeln der Trauer von den Umständen der Pandemie neu geschrieben werden. Was immer schon weniger einsam macht, ist zu wissen, dass es anderen ähnlich oder genauso geht und deswegen haben wir hier ein paar der aktuellen Trauer-Phänomene zusammengetragen.

“Gut, dass du das nicht mehr miterlebst”

Es ist wie verhext und es kostet Überwindung es auszusprechen. Allerdings nur bis wir merken, dass es einfach unfassbar vielen so geht. Plötzlich ist da nämlich eine ganz paradoxe Erleichterung und Dankbarkeit, dass all diese furchtbaren Aspekte dieser Pandemie unseren Verstorbenen erspart bleiben.

“Trauer isoliert eh schon. Jetzt auch noch Corona.”

Nach einem Verlust ordnen wir unser Wertesystem oft neu und auch unsere Bezugspersonen verändern sich. Überall, wo unser Umfeld Trauer als unangenehm empfindet- und das ist fast überall- ziehen wir uns zurück und machen einen Großteil der Trauer mit uns selbst aus. Die wenigen, besonderen und Kraft spendenden Aktivitäten, wie der Besuch im Fitnessstudio oder das wöchentliche Treffen mit der besten Freundin, brechen außerdem weg. Wir sitzen also ungewollt unter einer Trauerkäseglocke und darüber stülpt diese Zeit der häuslichen Quarantäne eine weitere.

“Trauergruppen hinterlassen Lücken.”

Der eine oder andere hat Anschluss und Verständnis in einer Trauerrunde gefunden. Zusammen mit Menschen, denen es ähnlich geht und die sich ihrer Trauer stellen. Das tut verdammt gut. Kaum hielt der Virus Einzug sind diese Angebote nur noch beschränkt, teilweise digital, verfügbar. Es ist der Wahnsinn, was da auf die Beine gestellt wird und wieviel Mühe sich Trauerbegleiter und Mitmenschen geben, um über Telefone und Videocalls “da zu sein”. Aber am Ende ist die Echtheit dieses Zusammenseins viel weiter als nur einen Mausklick entfernt.

“Angst x 1000”

Viele Trauernde haben nach einem Verlust verstärkte Ängste. Angst um ihre Mitmenschen. Angst, dass der Tod einfach schon wieder naht und erneut das nimmt, was wir lieben. Diese Pandemie und das Verbreiten von Panik ist Benzin in dem Feuer der Angst eines Trauernden. Das können wir nicht verhindern. Wir können uns nur bewusst machen, dass uns die Trauer nun mal diese verstärkte Angst in unseren morgendlichen Kaffee kippt.

“Trauern? Keine Zeit!”

Dieser Virus hat unser aller Leben gerade im Griff. Wir sitzen unseren Partnern, Kindern, WG-Mitbewohnern auf der Pelle und umgekehrt, versuchen jedoch das Beste daraus zu machen. Das ist schon eine intensiver Prozess. Dazu dann Arbeiten von zuhause oder draußen “an der Front”. All das strapaziert unsere physischen und psychischen Reserven und Batterien. Es ist somit normal wie verständlich, dass wir kaum noch Zeit finden oder Ideen haben, um Zeit, geschweige denn Raum und die benötigte Privatsphäre, für unsere Trauer zu schaffen. Aber wir sollten es weiter versuchen und an dieser Stelle nicht aufgeben. Mit Geduld sollten wir an der Suche nach Möglichkeiten festhalten.

All diese Aspekte führen eine lange Liste weiterer Dinge an, mit denen wir uns gerade arrangieren müssen. Allerdings lohnt es sich gegen eine Ohnmacht und Ratlosigkeit zu recherchieren. Es gibt bereits tolle Angebote, die Trauernde auch in diesen turbulenten Zeiten nutzen können. Seid mutig und bei all dem Chaos trotzdem darauf bedacht, dass es euch gut gehen soll. Die Selbstfürsorge ist nicht überflüssig sondern gerade genau in solchen Zeiten besonders wichtig. Also fühlt euch eingeladen mal nach Möglichkeiten zu schauen, die euch trotz oder auch wegen der widrigen Umstände von Trauerbegleitern, Vereinen und sozialen Trägern angeboten werden.

Vor ein paar Tagen haben wir gesehen, dass die Berliner Kirchen unter dem Hashtag #WIRSINDDA ein Seelsorgetelefon eingerichtet haben, welches ihr unter der 030 403 665 885 erreicht und das von 08:00-18:00Uhr. Ein tolles Angebot, das man auch gut weiterempfehlen kann.

Das Trauerzentrum “Alles&Nixen” arbeitet an einer digitalen Lösung zur Trauerarbeit- das kann ich, Luna, garantieren. Denn das ist mein ehrenamtliches Herzensprojekt. Natürlich stehen meine Trauerzentrumspartnerin Bianca und ich auch telefonisch und per Mail ganz individuell zur Verfügung.

Außerdem bin ich auf eine ziemlich tolle Sache gestoßen, nämlich die Facebook-Seite von “Support Haven - Coaching to Get Through This Together”. Dieses Projekt scheint speziell aus der aktuellen Lage hervorgegangen zu sein. Hier kann man kostenfrei Sitzungen und Coachings buchen und erhält Hilfe und Unterstützung in einer Zeit, in der wir nahezu alle genau das brauchen. Die Seite ist in Englisch gehalten- allerdings sieht man auch welche Coaches Sitzungen in welchen Sprachen anbieten und Deutsch ist auf jeden Fall gut vertreten. Wenn man auf die “Buchen”-Option klickt, dann kann man in einer Tabelle auch verschiedene Themenbereiche auswählen und findet dann darauf spezialisierte Coaches. Trauer ist auch dabei. Schaut dort mal vorbei, falls euch das anspricht.

Gerne unterstützen wir euch natürlich auch bei der Suche nach einem für euch passenden Angebot.

Passt gut auf euch auf und bleibt mit Körper&Geist gesund!

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