Eine Begleitung nach dem Verlust durch Suizid

Oliver ist Anfang 50, glücklich verheiratet, hat seit Jahren einen festen Job, dem er gerne nachgeht und sein Leben ist gut. Sehr gut. Doch im Sommer 2021 verändert sich alles schlagartig. Sein bester Freund, Arbeitskollege und Lebensbegleiter entscheidet sich sein Leben zu beenden. Und er weiß: Dieses “gut” gibt es nicht mehr.

Die Fähigkeit zu Trauern

Oliver schreibt uns über unseren Chat auf emmora.de eine kurze und knappe Nachricht, dass er seinen besten Freund verloren hat und auf der Suche nach Hilfe ist, weil er nicht weiß wie er mit all dem umgehen kann oder soll. Kurze Zeit später telefonieren wir und ich lerne einen sensiblen Mann kennen, der überraschend viel über die Trauer, die er verspürt, weiß. Überraschend, weil mir die Zeit am eigenen Leib und bei vielen Begleitungen einfach offenbarte, dass die Trauer so überwältigend ist, dass man schwer eine Orientierung findet. Gerade zu Beginn. Doch Oliver ist da ganz anders. Er reflektiert, stellt fest und beobachtet wie er sich wann fühlt. Das ist eine besondere Fähigkeit, wenn man bedenkt, dass der Tod seines Freundes erst 3 Wochen zurückliegt. Besonders, weil darin der Schlüssel zu seiner Trauerarbeit liegt und alles, was ich ihm raten möchte und in den nächsten Wochen werde, weiß er intuitiv schon. Wir bereden, dass es keinen Sinn macht die Trauer zu verdrängen, dass es nur einen Weg dadurch und nicht drumherum gibt. Dass es eine Hommage an seinen Freund ist achtsam durch diese Trauer zu gehen und dabei das Leben nach und durch diesen Verlust neu lieben zu lernen. Erst bin ich unsicher, ob das zu groß klingt, was wir uns in dem Telefonat zusammenreden, doch dann sagt Oliver immer wieder furchtlos Dinge wie: “ Ich habe ihn geliebt. Er ist mein Seelenverwandter.” Das hat er noch oft erwähnt und jedes Mal staune ich, denn oft begegnen mir solche sehr gefühlvollen Formulierungen eher im Austausch mit Frauen. Männer hingegen neigen zu Aussagen wie “bester Kumpel” oder “bester Freund”. Ich verstand und spürte dadurch, dass er diese Trauer als einen Teil der Liebe versteht und wir wissen: Liebe kann Berge versetzen. Er hatte also seine eigene Fähigkeit diese Trauer aktiv zu durchleben- meine Aufgabe war nur ihn immer wieder an diese Fähigkeit zu erinnern. 

Ein Kompass auf dem Weg

Es war nun abgemacht, dass wir alle zwei Wochen reden wollten. Dies tun wir bis heute und jedes Gespräch ist ein neues Kapitel seiner Trauer. Nach den ersten Gesprächen war viel Euphorie vorhanden, denn er hatte in mir eine Verbündete gefunden. Jemand, der nicht nur den Weg mit ihm gehen würde, sondern jemand, der diesen Weg und den Schmerz anerkannte und Verständnis, unendliches Verständnis für jede Facette seiner Gefühlswelt hatte. Er erzählte mir, dass er gar nicht wirklich wusste, was er suchte als er mich fand und dass er es vor allem tat, weil er das Gefühl hatte, dass ihn der Rest der Welt nicht (mehr) versteht. Es ist ein Phänomen, dass mir ständig, fast ausschließlich begegnet, wenn Menschen in eine Begleitung kommen. Es macht mich immer wieder traurig, dass so viel Unverständnis gegenüber Trauernden herrscht und es bestärkt mich darin, diese Tätigkeit vielleicht niemals wieder aufzugeben. Oliver sammelte die Situationen und Empfindungen in seinem Gedächtnis und beschrieb mir immer, was ihn besonders bewegte oder irritierte. Plötzlich empfand er Wut in kaum vorstellbarem Ausmaß, dann pure, den Magen verdrehende Traurigkeit oder eine so große Verzweiflung, weil es zig Trigger-Momente gab, denen er ganz plötzlich so hilflos ausgeliefert war. Und das alles passierte unter der großen Fassungslosigkeit über den selbst gewählten Tod seines Seelenverwandten. Ich konnte ihm nichts nehmen- außer seine Selbstzweifel. “Ist das richtig, wenn ich das fühle?”, “Geht es anderen Trauernden genauso?”, “Wie verläuft Trauer?”, “ist das noch normal?”- diese Fragen stellte er mir oft in verschiedenen Zusammenhängen und ich musste nicht mehr als eine Art Kompass sein, denn mit jeder Frage und jeder Antwort fand er mehr Orientierung für seinen Weg: Durch dieses Tal der Trauer, hin zu einem Leben, in dem Raum für ein “Mitnehmen”, eine ewige Erinnerung an seinen verstorbenen Freund sein sollte aber auch genug Platz, um wieder Glück und Zufriedenheit erleben zu dürfen.

Der Austausch als Antrieb

Ich spüre nach jedem Gespräch diese tiefe, fundamentale Dankbarkeit, weil wir gemeinsam Worte und Gleichnisse finden, um seine Trauer zu greifen und um zu sehen, was es jetzt gerade braucht, um einen kleinen Schritt weiterzugehen. 

Ich möchte nicht behaupten, dass jede Begleitung so unglaublich harmonisch verläuft, aber oft fühlt es sich an, als würden Oliver und ich als Freunde sprechen, uns darüber auslassen, was gerade alles richtig schlecht läuft und uns dann wieder mit Hoffnung aufladen, um alles Kommende anzunehmen. Was ich damit sagen oder manchmal einfach gerne in die Welt fragen würde: Können wir nicht alle ein bisschen mehr diese Art von Freundschaft pflegen? Einfach damit die Notwendigkeit und Option auf eine Trauerbegleitung weniger aus dem Mangel an Verständnis innerhalb der Gesellschaft und nur noch aus dem Ausmaß der Trauer gewählt wird.

Das Gewürz und das Leben 2.0

Wir sprechen nun seit ca. 3 Monaten und mittlerweile wurde aus Olivers “Wann wird das besser?” ein “Nee, klar, bin ich nicht drüber hinweg.”. Er versteht, dass seine Trauer da ist, dass sie ihre Zeit braucht und er gibt sie ihr. Natürlich nervt die Trauer oft, wird unerwartet aufdringlich oder hat ihm sogar auch physisch zwischenzeitlich ordentlich zugesetzt. Aber das Magische an seinem Umgang mit ihr ist: er arbeitet mit ihr. Trauerarbeit ist nämlich mehr als die einzelnen Methoden wie Trauertagebuch schreiben, Meditationen, Rituale durchführen, Trauergruppen besuchen und all die vielen Hilfsmittel, derer man sich bedienen kann. Trauerarbeit ist der bewusste Prozess Trauer zu erleben und mit ihr zu wachsen.

Oliver erzählte mir beim letzten Telefonat: “ Ich muss aus der Firma raus, in der wir auch lange zusammen gearbeitet haben. Da redet keiner mehr über ihn, sein Tod wurde übergangen und ich, ja ich gehöre da einfach durch das alles nicht mehr hin. Ich brauche etwas Neues. Meine Frau hat mir ein bisschen geholfen zu schreiben und nun hab ich mich bei einigen Firmen beworben. Ach und meine Reha wurde auch endlich bewilligt!”. 

Es ist einfach beachtlich, wie dieser Mann aus seinem vertrauten Leben katapultiert wurde und neben Zusammenbrüchen und Tiefs nie aufgehört hat seinem Gefühl zu folgen. Und wie er aus einer völlig nachvollziehbaren Hilflosigkeit heraus jetzt sein Leben begreift und es transformiert, um es wieder lieben zu können. 

Am Ende des Telefonats versuchen wir wieder eine gute Umschreibung dafür zu finden, dass Oliver sich jetzt nach so viel Veränderung sehnt und mit einem Schmunzeln fällt mir ein: “Es ist als wäre er das für dein Leben, was das unverzichtbare, ausschlaggebende Gewürz für dein Lieblingsgericht ist.”. Ich kann sein Lächeln durch’s Telefon spüren, als er sagt: “Ja, Luna! Genau! So ist es!”.

Und jetzt, da das Gewürz fehlt, ist es Zeit für ein anderes Lieblingsgericht, das vielleicht sogar von dem alten inspiriert ist aber selbst ohne dieses einzigartige, wunderbare Gewürz auskommt und im Idealfall nicht nur satt, sondern auch glücklich macht. 

Ich habe Oliver, der natürlich gar nicht Oliver heißt, selbstverständlich gefragt, ob ich über uns und vor allem über ihn schreiben darf, weil ich denke, dass seine Geschichte Betroffenen Hoffnung spenden kann. Er hat sofort eingewilligt. Es ist ein Beweis, dass sich Trauer wandelt und man sich mit ihr bewegen kann. Dass die Fassungslosigkeit vielleicht auf eine Art ewig bleiben wird, doch dass sie nicht ewigen Stillstand bedeutet. Und als ich überlegte wie ich ihn für diese Geschichte nennen werde, um seine Privatsphäre zu wahren, da musste es “Oliver” sein, denn der Name bedeutet Hoffnung. Also danke, Oliver und auf ein gutes, neues Leben!

Alles Liebe, Luna

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