Regina schreibt über den Verlust ihres Sohnes und ihrer ganz besonderen Art die Trauer zuzulassen.

Du lässt ihn nicht zurück

2013 war das Jahr, das uns alle verändert hat. Dabei hatte es so gut begonnen. Die Schwangerschaftswehwehchen machten mit zu schaffen, doch die Vorfreude auf unser drittes Kind überwog. Es warteten große Veränderungen auf uns. Wir malten uns ein idyllisches Familienleben aus, doch dann kam alles ganz anders. 

Samuel kam in der 34. Schwangerschaftswoche mit Trisomie 18 zur Welt und wir verbrachten die schwersten und gleichzeitig schönsten 54 Tage mit ihm. Diese Zeit war intensiv, unbeschreiblich intensiv in jeglicher Hinsicht. Sie war voller Sorgen, voll von Liebe und ganz viel Dankbarkeit. Den Gedanken an das Leben ohne Samuel hatte ich verdrängt, solange ich konnte. Doch ich musste mich der Realität stellen. Am 1. August war er davon geflogen in den Himmel. Und wir blieben hier. Immer wieder rief ich: „Komm zurück. Komm zurück oder nimm mich mit.“ Wie sollten wir in die Zukunft blicken, obwohl wir so sehr an der Vergangenheit hingen. Es war schrecklich schwer. Wir hatten zwischendurch auch Phasen zum Durchatmen, aber zur Weihnachtszeit war die Sehnsucht fast unerträglich.

Dann bekam ich eine Karte von meiner Seelsorgerin. Sie gab mir etwas weiter, das ihr selbst in Zeiten der Trauer geholfen hatte: „Du lässt ihn nicht zurück im Jahr 2013. Du gehst ihm entgegen.“

Ich gehe ihm entgegen. Jeden Tag ein Stück näher. Jedes Jahr komme ich ihm näher. Mit dieser Perspektive konnten wir 2013 in Dankbarkeit abschließen und mit Zuversicht nach vorne schauen. Es blieb schwer. Manchmal wollte ich mich dem Tag nicht stellen und im Bett bleiben. Und das war ok. Aber der Blick auf den Himmel gab mir die Kraft, weiterzuleben. Nicht nur zu existieren, sondern wirklich zu leben und unzählige Momente des vollkommenen Glücks zu sammeln.

Ich komme mir näher

Mit der Zeit erkannte ich: Ich gehe nicht nur Samuel entgegen, sondern auch mir selbst. Der Blick nach vorn macht mich immer mehr zu der Frau, die ich bin. Das, was war, gehört zu mir, zu meiner Geschichte und ich möchte das Gute und das Schwere schätzen und keine Erinnerung missen. Aber ich möchte noch mehr. Denn da ist noch mehr Leben in jedem Tag, als ich bisher wusste. Das habe ich erst verstanden, als ich begriff, dass ich eines Tages sterben werde. Klar, jeder weiß es. Aber wir wollen es nicht wahrhaben, oder? 

Es ist ok, dass die Zeit vergeht und ich sie nicht festhalten kann. Darin liegt der Wert des Augenblicks. In seiner Vergänglichkeit. Es gibt natürlich Momente, besonders mit unseren Kindern, die ich gern konservieren würde. Aber ich freue mich, zu sehen, wie sie älter werden, ihre Persönlichkeiten entdecken und eines Tages ihren Weg gehen werden. Das Älterwerden macht mir keine Angst, denn ich mag mich jedes Jahr mehr.

Wenn uns bewusst ist, dass wir etwas Wertvolles verlieren können, schätzen wir es umso mehr. Das ist eine der vielen Lektionen, die ich durch Samuel gelernt habe. Der Blick auf mein Lebensende weckt in mir den Hunger nach Mehr. Ich löse mich von Unwichtigem, lasse alte Verletzungen los und öffne mich für das, worauf es ankommt: den Moment. Ich lebe nicht in der Vergangenheit und auch nicht für die Zukunft. Ich bin jetzt. Ich bin ich. Es gelingt mir nicht immer, das Leben in seiner Fülle zu ergreifen, aber ich lerne es mehr und mehr.

Dem Himmel entgegen

Und da ist noch jemand, dem ich entgegengehe. Es ist Gott. Denn ich glaube an ein Leben nach dem Tod. An das ewige Leben, das mir aus Liebe und Gnade geschenkt wird. Und ich kann es kaum erwarten, in diese Herrlichkeit zu treten und meinem Schöpfer in den Arm zu springen. Es ist eine so unbeschreibliche Vorfreude und Zuversicht, dass ich jede Angst vor meinem eigenen Tod verloren habe. Ich sehne ihn nicht herbei, nein ich möchte gerne noch Zeit mit meiner Familie und Freunden genießen. Aber ich habe keine Angst. 

Das Einzige, das mir Angst macht, ist, einen weiteren Menschen hergeben zu müssen, den ich liebe. Doch ist es unausweichlich. Auch für diesen Fall ist der Himmel mein größter Trost. Denn ich weiß: Nach dem Tod fängt ein neues, überwältigend schönes Leben an.

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