Wie wir durch den Tod erst richtig leben lernen

Jennifer Merkle ist Mutter eines Sternenkindes und Trauerbegleiterin. Sie erzählt von ihrem Umgang mit dem Tod.

Alles, was du hast, ist JETZT! Sicher weißt du das in der Theorie schon. Und vielleicht denkst du gerade: „Mein Jetzt ist grau, trist, schwer und hoffnungslos. Ich habe mein Baby verloren und damit meine Träume, meine Zukunft, meine Erwartungen.“ Diese Gefühle kann und darf dir niemand absprechen, in deinen Augen ist die Welt gerade schwer und grau. Doch deine Gedanken bestimmen, wie du die Welt siehst. Das zu verstehen ist essenziell für dein Leben und dein Glück.

Deine Perspektive bestimmt deine Welt.

Wenn wir unser Baby, unser ungeborenes Kind oder einen anderen geliebten Menschen verlieren, zerbricht unsere heile Welt. All das, was uns zuvor noch wichtig erschien, wird unwichtig. Unsere Gedanken kreisen um den Schmerz und um ein Wort: Warum? Wir stellen uns viele weitere Fragen, die uns nicht alle weiterbringen.

Diese Gedanken verbunden mit deinen Gefühlen bezeichnen wir als Trauer. Jedes dieser Gefühle ist richtig und darf angenommen werden. Genauso wie deine Tränen. Die Tränen drücken deinen Schmerz aus, verlassen deinen Körper und reinigen deine Seele. Ich kann dir hier heute sagen, dass das Leben nicht nur weiter geht, sondern dass es kraftvoll, wunderschön und noch bedeutsamer als zuvor werden kann. Mit meinen Erfahrungen erzähle ich dir heute auch, wie und warum.

Ich hatte auch jahrelang einen schweren Rucksack auf den Schultern. Kennst du den Inhalt deines Rucksackes? Sind darin vielleicht Trauer, Schmerz, schwierige Erfahrungen, Ängste, negative Glaubenssätze, Wut und noch viel mehr? Du schleppst diesen Rucksack mit dir herum, kannst nicht mehr aufrecht gehen und dein Leben fühlt sich so sinnlos an. Ich kann dich fühlen. Wie wäre es, diesen Rucksack einfach mal abzustellen und auszupacken? Gut? Dann nimm alles aus dem Rucksack heraus. Schau dir die Dinge an, sortiere sie in deine Vergangenheit ein, betrachte deine wertvollen Erfahrungen und nimm die Geschenke daraus mit. Frage dich: 

Wer wärst du ohne diese Erfahrungen, wer wärst du ohne deine Geschichte?! 

Annehmen und loslassen gehört zu den größten Stärken, die wir haben und lernen können.

Dein Sternenkind hatte eine Aufgabe in seinem und in deinem Leben, auch wenn es noch so kurz war. Hast du eine Ahnung, welche es ist? Was hat es dir hinterlassen? Und was hätte sich dein verstorbenes Kind wohl für dich gewünscht? Natürlich! Dass du lebst, dass du dein Leben lebst, und dass du deinem Leben einen Sinn gibst. Dein Leben ist jetzt. Shifte deine negativen Gedanken aktiv und bewusst.

Du weißt spätestens seit deinem Verlust, dass es nicht selbstverständlich ist, leben zu dürfen, gesund zu sein oder Kinder an der Hand zu haben. Du siehst das Besondere und kannst es mehr schätzen, als viele andere Menschen. Wenn du Ja zu deinem Leben und zu deiner Erfahrung sagst, dann kannst du deine Erfahrung in eine unsagbare Kraft umwandeln und das Leben wird dich beschenken. Sich bewusst zu machen, dass das Leben nicht jedem Menschen geschenkt wird und endlich ist, gibt dem Leben erst Bedeutung und lässt es uns als das schätzen, was es ist: Unser größtes Geschenk!

Du kannst bewusster und dankbarer leben. Weil dein Vertrauen auf die Probe gestellt wurde, darfst du lernen, wieder Vertrauen ins Leben aufzubauen und dich ihm hinzugeben. Ist jetzt nicht die Zeit für deine Träume? Verschiebe sie nicht auf morgen.

„Das Leben stellt dir nur Aufgaben, die du tragen kannst.“

Rückblickend kann ich diese Weisheit annehmen und bestätigen. Vor ein paar Jahren hätte ich das noch anders gesehen. Der Tod zwingt uns zu neuen Wegen, Aufgaben, Entscheidungen und auch zum Nachdenken über uns selbst und unser Leben. Damit lernen wir uns besser kennen und sind einen Schritt weiter im Selbstwerden. 

Rückblickend kann ich auch wertschätzen, dass ich in diesen Trauerphasen viel gelernt habe. Sie lehrten mich neue Schritte, persönliches Wachstum, sehr viel Mut und Selbstvertrauen. Ich musste mich immer wieder neu auf den Weg machen, mir wurde langsam klar, wie stark ich bin und ich kam mir auf meinem Weg immer näher, das führte zum Beispiel dazu, dass ich mich für etwas zuvor Unvorstellbares entschied: Ich lief alleine auf dem Jakobsweg. Dadurch, dass das Leben mich auf die Probe gestellt hat, habe ich wieder den Kontakt zu mir gesucht und gefunden. Eine meiner wichtigsten Erkenntnisse:

Auf mein Bauchgefühl zu hören und dem Leben wieder zu vertrauen ist das Wichtigste. 

Durch deinen Verlust kann sich nicht nur deine Partnerschaft vertiefen, sondern auch Beziehungen und Freundschaften. Du wirst spüren, wer deine wirklichen Freunde sind, vielleicht wirst du auch neue Kontakte knüpfen, die deinen Schmerz mit dir tragen und aushalten und einfach da sind. Die Voraussetzung hierfür ist, dass du annehmen kannst, dass jeder auf seine eigene Art und Weise trauert. Verurteile weder dich noch jemand anderen, für den eigenen Weg und Umgang mit der Trauer. Öffne dich selbst und gib dem Anderen Raum dazu.

Wenn du losgehst, betreten deine Füße einen neuen Weg. Er fühlt sich für uns ungewohnt und steinig an. Doch nach den ersten mutigen Schritten merkst du bald, wie dich das Leben dafür beschenkt. Genau das passiert mir momentan immer noch. Ich bin losgegangen und jeder einzelne Schritt zeigte mir die Richtung, jeden Tag ein Stückchen mehr. Wir sollten nicht warten, bis das Glück oder unser Lebenssinn an die Tür klopft. Wir können Türen eigenständig öffnen und nach draußen schauen. Und dann den ersten Schritt durch eine dieser Türen wagen.

Trauer ist eine natürliche Lebenserfahrung. 

Auch dann, wenn es sich im ersten Moment nicht danach anfühlt. Die meisten Menschen haben leider nie gelernt mit Trauer umzugehen und darüber zu sprechen. Der Tod, das Sterben und Sternenkinder sind ein Tabuthema in unserer Gesellschaft. Wenn ein Mensch die Trauer in ihrer Tiefe zulässt und überwindet, wächst seine Persönlichkeit. 

Und nicht nur unsere Persönlichkeit kann daran wachsen. Unsere Dankbarkeit, unsere Liebe zum Leben und unser Bewusstsein wachsen gleich mit. Ich persönlich glaube, dass die Wertschätzung unseres Lebens in tiefster Dankbarkeit ein riesengroßes Geschenk für unsereins ist. Manche Schicksalsschläge lassen uns zunächst an der Schönheit und dem Potenzial unseres Lebens zweifeln, doch gerade durch sie haben wir die Chance, das Leben als das zu sehen, was es wirklich ist, und was am Ende wirklich zählt: 

Das Leben und der Tod sind Geschenke, große Chancen. Und am Ende zählt nur, wie sehr wir geliebt haben.

Ich habe zu meinem Sternenkind auch zwei lebende Kinder. Mein Sternenkind hat mir genau ein Jahr nach seinem Todestag ein Regenbogenkind geschickt! Deutlicher konnte es mir nicht zeigen, wie eng der Tod und das Leben beieinander liegen können. Und ohne mein Sternenkind und den Verlust meines Bruders würde ich mein Leben nicht so bewusst und dankbar leben, wie ich es heute tue. Die Bedeutung von Familie und Freundschaft wurde für mich so viel wichtiger. Mit meinem Bruder habe ich einen Tag vor seinem Tod noch gesprochen. Er feierte Geburtstag. Und am nächsten Tag war er tot. Deshalb: Lebe dein Leben, gehe gestärkt aus deiner Trauer hervor, sag Ja zum Leben! Und vergiss nie, dass die Energie niemals stirbt. 

Hätte ich ein paar Mal im Leben nicht jemanden an meiner Seite gehabt, der mich getragen und gehalten hätte, wäre ich heute nicht dort wo ich jetzt bin. Niemand sollte in seiner Trauer komplett alleine sein. Ich bin noch heute damit beschäftigt, die Geschenke aus meinem Rucksack auszupacken. Und vor kurzem habe ich meine Mission ausgepackt. Ich begleite  Sternenmamas oder Geschwisterkinder nach dem Tod ihres Bruders oder ihrer Schwester auf ihrem Weg durch die Trauer und setze mich dafür ein, das Thema in unserer Gesellschaft zu enttabuisieren. Dabei nutze ich meine Ausbildung und meine eigenen wertvollen Erfahrungen für eine verständnisvolle und ermutigende Begleitung.

Jennifer Merkle 

Mehr dazu, wie andere Mamas gestärkt aus der Trauer hervorgehen und was Ihnen geholfen hat, wirst du in meinem Buch finden, das Anfang 2021 erscheint.: Der Mutmacher für Sternenmamas. Wenn du mehr über mich, meine Mission oder mein Buch erfahren und dich mit mir vernetzen möchtest, findest du mich auf Facebook: Jenni von Durch Trauer wachsen. Oder besuche mich auf meiner Website: www.durchtrauerwachsen.com

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