Vorhang auf für den Tod - Interview zum Theaterstück "Sense"

Isabel Neuenfeldt ist eine ganz bezaubernde Akkordeonistin und Schauspielerin, die wir als Musikerin für Trauerfeiern kennengelernt haben. Mit großem Interesse hörten wir dann von einem Theaterstück namens "Sense"...

Victoria: Hallo liebe Isabel, Wir haben im ende gut. Podcast mit Roland Schulz über sein Buch gesprochen. Dort sind wir die verschiedenen Elemente durchgegangen und haben auch intensiv über das Sterben gesprochen. Du erzähltest dann vor Kurzem, als wir uns kennenlernten, dass du ein Theaterstück mit einem Element aus dem Buch von Roland Schulz “So sterben wir” konzipiert hast. Magst du uns darüber etwas mehr erzählen?

Isabel:  Ja, voll gerne! Ich hab das nicht allein konzipiert, wir haben das zu viert konzipiert. Das sind zwei Musiker, eine Puppenspielerin und eine Regisseurin. „Sense“ heißt das Stück und das Thema ist der Tod und wie sich herausstellte ist eigentlich das Leben das Thema.

Wir haben dafür das Buch „So sterben wir“ als Grundlage genommen. Insgesamt gibt es eigentlich drei Elemente, auf denen dieses Puppenspiel fußt. Das erste große Element sind die Puppen, da sie ja animiert oder gar reanimiert werden müssen. Es ist ein sehr schönes Spiel mit der Puppe, da sie ja tot ist solange keiner sie in der Hand hat und dann sofort zum Leben erwacht, sobald sie in der Hand ist.

Das zweite Element ist die Musik. Mein Kollege und ich spielen Lieder, die wir auch auf Trauerfeiern spielen. Lieder, die sich Menschen vor ihrem Tod gewünscht haben oder Angehörige sich gut vorstellen können. Und dann kommt das dritte Element und das sind Fakten! Realitäten, Gesetze, Gerüchte und vor allem auch Möglichkeiten! Also eigentlich das Element Aufklärung zum Thema Sterben und Tod, weil es uns allen Vieren ein großes Anliegen ist, da eine Form zu finden auf eine annehmbare Art und Weise aufzuklären.

Victoria: Wir haben ja bereits mit Roland Schulz über sein Buch geredet und er erzählte, dass während seiner Lesung auch tatsächlich Menschen aufstehen und dass das für ihn vollkommen in Ordnung ist. Wie hast du das bei dem Theaterstück erlebt?

Isabel: Es war sehr aufregend für uns. Wir hatten leider nur die Premiere bisher und dann kam Corona. Aber da war es voll! Es wurde geweint- natürlich- aber auch ganz viel gelacht. Und wir haben die Zuschauer auch ganz direkt angesprochen. Vor allem mit diesem Text. „Übergang “ haben wir ihn genannt. Roland Schulz beschreibt ja auch ganz genau wie man bzw. „Du“ stirbst und genau so konkret haben wir das Publikum mit dem Text natürlich auch angesprochen. Das schockiert natürlich erst einmal und es ist auch sehr still dann. Es ist eine ergreifende Szene geworden. Aber wir teilen beispielsweise auch Patientenverfügungen aus. So versuchen wir mit sehr konkreten Vorstellungen das Thema zu vermitteln.

Victoria:  Das klingt ja schon fast nach einer Fortbildung für die Zuschauer. 

Isabel: (lacht) Ja, eigentlich schon. Wir fragen auch immer, ob Bestatter im Publikum sind und schlagen vor, dass man mit dem nachher mal ein Bier trinken geht, um ihm zu begegnen, wenn man gerade nicht in Not ist. Normalerweise geht man ja erst zum Bestatter, wenn jemand gestorben. Dann ist die emotionale Not groß und da ist oft keine Zeit.

Wenn man in diesem Bereich arbeitet, merkt man wie viele schöne Sachen und Beteiligung möglich sind bei einer Trauerfeier, oft auch Lebensfeier genannt. Das versuchen wir in der Form dieses Theater- bzw. Puppenspiels auch darzustellen.

Die Reaktionen waren auch einfach großartig! Über die Gespräche danach, im Foyer, habe ich mich besonders gefreut.

Evgenyia:  Das glaube ich! Da ist sicher auch viel Dankbarkeit dafür, ein so wahnsinnig schwieriges Thema dann doch aufgezeigt zu bekommen. Wie bist du selber mit dem ganzen Thema umgegangen? Was hat das Stück mit dir gemacht?

Isabel: Oh, schöne Frage! Ich hab ganz lange nicht auf einer Bühne gestanden. Ich hab ja mal Schauspielerei studiert aber hab es lange nicht mehr getan und nicht vermisst. Aber trotzdem war es für mich toll mal wieder in einem richtigen Theater mit Beleuchtung und allem Pipapo zu stehen und ins Spiel zu kommen. Ich glaube ich hatte ein bisschen Angst, dass das Stück zu krass sein könnte. Aber das direkte Du, welches im Buch von Roland Schulz erst einmal erschreckend wirken kann, unterstützt den Blick aufs Detail und nimmt dadurch etwas die Angst.

Victoria: Das ist großartig, dass ihr so ein mutiges Stück auf die Beine gestellt habt! Hut ab! Dann hoffen wir mal, dass ihr es bald wieder aufführen könnt!

Isabel:  Das hoffe ich auch sehr! Wahrscheinlich müssen wir uns noch ein wenig gedulden. Aber es will raus! 

Victoria:  Wir drücken alle ganz fest die Daumen!

Auszug aus der Pressemitteilung zum Theaterstück "Sense":

Veronika Thieme und Miosotis Akkordeon/Gesang: Isabel Neuenfeldt, Violine: Giovanni Reber

Regie: Tilla Kratochwil

Puppentheater mit Live-Musik u.a. mit Texten aus  »So sterben wir« von Roland Schulz 

Wir suchen nach einem Weg, in Leichtigkeit dem Lebensthema Tod eine Bühne zu geben, um mehr Menschen (die in den allermeisten Fällen eines Tages mit dem Sterben und Tod eines An- oder Zugehörigen und in allen Fällen mit dem eigenen Sterben und Tod zu tun haben werden) Gelegenheit zu geben, am eigenen Tabu zu arbeiten, um Gesprächen Impuls und Raum zu geben, wenn gerade keine akute Betroffenheit einen dazu zwingt, und nicht zuletzt, um über die eigenen Rechte zu informieren und schon mal ein paar Möglichkeiten und Freiheiten vorzustellen, die sonst gemeinsam mit dem Tod im Reich des Unvorstellbaren bleiben.

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