Tattoos und der Tod

Der Tod begegnet mir oft in meiner Arbeit. Er betritt mein Atelier in Gestalt von Erinnerungen, die die Menschen sichtbar machen möchten - an die Liebe zu den eigenen Großeltern, an lebenslange Freundschaften, an geliebte Tierfreunde und manchmal, an die eigene Sterblichkeit und an all die Seelen, die unser Leben bereichern und prägen.

Ich sehe es hier in meiner Verantwortung zu gewährleisten, ein Bild zu erschaffen, das den Verstorbenen, aber auch den Tätowierten gerecht wird.

Erinnerungen

Wenn ein geliebter Angehöriger oder ein treuer Tierbegleiter stirbt und sich der Zurückgelassene ein Tattoo als Erinnerung wünscht, sind es anfangs häufig dieselben Motivideen: „Ich möchte mir das Todesdatum meines Vaters tätowieren lassen“. „Mein Kater ist nach 13 Jahren verstorben und ich hätte gerne einen Pfotenabdruck mit seinemNamen auf meiner Haut." Hier ist es mir wichtig, die Trauerarbeit anzuerkennen und den damit verbundenen Emotionen eine Möglichkeit zur Entfaltung zu geben. Mein Tattooatelier soll hier ein Schutzraum sein, in dem man ohne Scheu miteinander sprechen kann.

Die Trauer ist so individuell wie der Mensch oder das Tier, das von uns gegangen ist und das sollte auch in einem Erinnerungstattoo seinen Ausdruck finden. Eine Tätowierung wird ihren Träger, zusammen mit seinem Körper, sein Leben lang begleiten. Daher strebe ich stets danach, dass sie so individuell wird, wie nur irgend möglich. Möchte man wirklich für den Rest seines Lebens mit dem Todesdatum des Vaters auf der Haut an den Tag erinnert werden, an dem er für immer ging? Stattdessen könnten wir sein liebstes Hobby verewigen oder den schönsten Moment, den man gemeinsam teilen durfte. Auch eine abstraktere Umsetzung kann eine sehr persönlich Erinnerung werden, vielleicht ein Totemtier, das die Eigenschaften des Vaters symbolisiert und ihm damit ein kraftvolles Denkmal setzt.

Und wieviel sagt der Name des geliebten Katers wirklich über seinen unverwechselbaren Charakter aus? Die abgewetzte Spielmaus hingegen, die er auch nach Jahren immernoch freudig durch die Wohnung schleppte, eingebettet in ein Nest aus der Katzenminze, in der er sich immer so genüßlich gewälzt hat - das ist ein Tattoomotiv, das statt Traurigkeit eher ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. So gehe ich mit meinen Kunden auf Erinnerungsreise und versuche, statt Wehmut und Trauer über den Tod eher Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit auszudrücken - das Glück, einen Teil des Weges zusammen gegangen zu sein.

Messer, Schädel, Nebel

Motive, die den Tod darstellen, sind klassischerweise in der Tattooszene sehr etabliert und beliebt. Der Wunsch nach düsteren und bedrohlichen Bildkompositionen erreicht mich oft- und ich komme dem gern nach - bin ich doch selbst seltsam fasziniert davon, den menschlichen Ängsten einen Ausdruck zu geben. Ich kann als Künstlerin in meiner Bildsprache auf die Haut bringen, was als Emotionen unsere menschliche Seele bewegt. Wir leben in einer immernoch stark polarisierenden Gesellschaft. Über Geld, Sex und den Tod wird nicht, oder nur sehr eingeschränkt gesprochen, obwohl es jeden einzelnen betrifft. Die eigene Sterblichkeit ist eine Grundfaszination des Menschen und sie in ein individuelles Bild zu formen, ist eine beinahe rituelle Handlung. Bei diesen Motiven geht es nicht um die Verherrlichung des Todes, sondern um seine Berechtigung, seinen festen Platz in unserem Leben. Ohne ihn und die Endlichkeit, die er zur Bedingung macht, würden die größten Freuden und Genüsse austauschbar, die große Liebe nur eine von vielen sein und wirkliches Wachstum unnötig.

Wenn unsere Tätowierungen ein Spiegel der Gesellschaft sind, in der wir leben, möchte ich als Mitgestalterin dieser Leinwand dem Tod seinen rechtmäßigen Platz geben. Ich wünsche ihm, dass er statt Ablehung und Schweigen wieder Akzeptanz und Annahme erfährt.

Stella Banduhn

Foto: Grit Hartung (https://fotostoff.de/)

Über die Tattoo Künstlerin:

Stella Banduhn schreibt bereits auf ihrem eigene Blog über die vielschichtigen Bedeutungen von Tattoos aber auch über sehr pragmatische, nützliche Dinge rund um das Thema der Kunst, die unter die Haut geht. In einem Gespräch mit ihr, konnten wir sofort die Liebe für ihr Handwerk aber vor allem für Menschen, ihre Geschichten und die Einzigartigkeit in jedem spüren. Wir sind sehr dankbar und laden euch herzlich ein auch ihren Blog oder vielleicht auch ihr Studio zu besuchen, denn dort seid ihr nicht nur wortwörtlich in guten Händen: https://gruengold.ink/

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Am 28.12.2014, vormittags gegen 11 Uhr bin ich verstorben. Das Letzte, an das ich mich erinnern kann, ist, wie mein Kreislauf zusammen gebrochen ist. Es fühlte sich an, wie das Fallen in der steilsten Achterbahn, die man sich nur vorstellen kann. Dann war Totenstille.