Mir macht der Tod Mut

Am 28.12.2014, vormittags gegen 11 Uhr bin ich verstorben. Das Letzte, an das ich mich erinnern kann, ist, wie mein Kreislauf zusammen gebrochen ist. Es fühlte sich an, wie das Fallen in der steilsten Achterbahn, die man sich nur vorstellen kann. Dann war Totenstille.

Anmerkung der Redaktion: Unsere Interview-Partner und Autoren beschreiben ihre Erfahrungen zum Thema mentale Gesundheit und Suizid ehrlich und sehr offen. Daher bitten wir euch stets auf euer Bauchgefühl zu hören und abzuwägen ob ihr diesen Inhalt gerade lesen könnt und möchtet. Bei den Autoren bedanken wir uns von ganzem Herzen für ihre Geschichten und ihren Mut.

Rund 24 Stunden später erwachte ich auf der Intensivstation. Aus meinem Körper führten diverse Schläuche und unzählige Kabel zeugten von einem Drama, das Gott Lob, nochmals gut ausgegangen ist. Diese Tragödie nahm Ihren unglückseligen Verlauf, nachdem ich eine dämliche und total unsägliche SMS bekommen habe, die mein von Depressionen malträtiertes Gehirn dazu veranlasst hat, einen Schlussstrich zu ziehen. Meinem freien Willen hat dieser Suizid keinesfalls entsprochen. Während ich 200 Pillen mit einer Flasche Rotwein hinunterspülte, schrie es förmlich in mir aufzuhören und einen Notarzt zu rufen. Mein Geist flehte: „Das kannst Du nicht tun.“ Doch das böse Etwas steuerte meinen Körper, wie eine Marionette. Der Tod als Puppenspiel und ich mittendrin im letzten Akt angekommen, bis der Vorhang fiel. Gerettet haben mich die Notärzte, die mehrfach reanimieren mussten. Vor dem sicheren Tod behütet hat mich, in allererster Linie, mein Freund Jose, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht mein Lebenspartner war. Ihn überkam auf der Autobahn ein mieses Gefühl, das ihm keine Ruhe gelassen hat. Schließlich drehte er um und raste die 120 km zurück nach Frankfurt, verschaffte sich Zugang zu meiner Wohnung, fand mich und rief den Notarzt. Nach dessen Eintreffen gingen meine Lichter aus und es dauerte eine Weile, bis das schwache Leben wieder zu flackern begann, wie eine Kerze in einer windigen Nacht.

Suizidialität, als Teil der Familiengeschichte

Für Jose war ein Suizid nichts Neues. Seine Mutter überlebte zwei Suizidversuche und er erzählte mir oft, wie er verzweifelt, als kleiner Bub, an Ihrem Krankenbett saß, weinte und betete und nicht verstehen konnte, was in Ihr vorgegangen ist. Mithilfe von Antidepressiva und einer verständnisvollen Familie, die sehr auf sie achtgab, lebte sie Ihr Leben und war weit über 70, als ich sie das letzte Mal gesehen habe. Die schweren Depressionen, die sie plagten, hat sie von Ihren Eltern mit in die Wiege gelegt bekommen. Beide waren ebenfalls schwerst depressiv, erzählte mir Jose, für den seine eigenen schmerzhaften Erfahrungen, am Ende keinen Unterschied machten. Er selbst, hatte schwere Depressionen, die er tapfer negierte. Er berichtete mir, dass er seit seinem 16ten Lebensjahr Suizidgedanken hatte. „Aber es sei immer gut gegangen“, ließ er mich wissen. Dabei verdrängte er, dass er, in seiner letzten Beziehung zwei Suizidversuche hatte und die Küstenwache eines oberitalienischen Sees ihn mitten in der Nacht aus dem Wasser gezogen hat. „Ach, alles nicht so wild“, sagte er mir regelmäßig, wenn meine Sorgen um ihn größer wurden. Ich hatte damals gesehen, dass es nicht mehr lange gutgehen würde. Ich hatte schließlich Erfahrungen damit. 35 Jahre lang litt ich unter Depressionen, die nie erkannt wurden. Auch nicht von mir. 2011 brach ich zusammen, wurde diagnostiziert, verbrachte rund sechs Monate in der Klinik, machte eine Therapie nach der anderen, fühlte mich besser, brachte mich trotzdem um und fand meinen Weg zurück in ein Leben, das mit Jose an meiner Seite immer dramatischer wurde; trotz zahlreicher glücklicher Momente. Meine Angst um ihn nahm dramatisch zu. Ich fürchtete mich täglich mehr, Jose eines Tages tot in der Wohnung zu finden. Deswegen haben wir uns oft gestritten. Obwohl ich jeden seiner Schritte richtig voraussagte, wies er von sich, was mit ihm passierte.

Mario Dieringer unterwegs für seinen Verein TREES of MEMORY e.V.

Er setzte drei Mal eigenmächtig seine Medikamente ab und der Fahrstuhl seines Seins nahm dadurch so richtig an Fahrt auf und landete mit jedem Mal ein paar Etagen tiefer in der Hölle. „Ich kann mit dieser Angst nicht mehr leben und ich will es auch nicht, nur weil Du keinen Bock hast Pillen zu schlucken“, ließ ich verlauten. Kurz vor Ostern 2016 eskalierten unsere Diskussionen. Er wollte nichts von Therapien wissen und ich hatte zunehmend Todesangst, vor dem, was sich am schwarzen Horizont abzeichnete. Ich konnte so nicht mehr weiter machen. Deshalb fuhr ich nach Berlin. Zuvor stellte ich ihn vor die Wahl. Entweder er stimmt einer Therapie zu oder ich bin weg. Liebe hin oder her, ich wollte keine Leben in Angst. Ich hatte all das durch. Ich wollte leben und das war immer schon so, egal, was mein Gehirn mit mir machte. Jose wollte nicht leben, was er laufend mit dem Satz „Ach Schatz, so alt will ich doch gar nicht werden“ bekräftigte. In Berlin angekommen setzte ein SMS-Sturm ein. Er wollte nicht damit aufhören, also schaltete ich das Handy aus. Ostermontag gegen 13 Uhr habe ich es wieder angemacht. 120 Sprachnachrichten und unendlich viele SMS kamen rein. Er lachte, er wütete, er beschimpfte mich, er wollte dieses und jenes machen, liebte mich und verteufelte mich, kein Wort von Therapie und seine Stimme wurde zunehmend immer leiser. Die letzte Nachricht, die er mir schickte: „Das ist der letzte Kuss für Dich“. Danach hat sich Jose das Leben genommen.

Die große Schuldfrage

Mit Joses Tod wurde mein ohnehin fragiles Leben und Gesundheitskonzept in eine Million Stücke gerissen. Sein Suizid wurde zu einer Zäsur, für sein Kind, seine Eltern, seine Geschwister und für mich. Für seine Familie wurde ich zum Schuldigen. Wäre ich nicht gewesen, hätte ich mich nicht mit ihm gestritten, würde er noch leben. Aus Joses Umfeld erreichten mich auch sechs Monate später noch Mails, die mit den Worten „Du Mörder“ begannen. Wer dem Schmerz der Trauer unterliegt, erträgt diesen oft nur dadurch, indem einer Person Schuld zugewiesen wird.

"Mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, hilft. So ticken wir Menschen leider."

Mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, hilft. So ticken wir Menschen leider. Das ist erschreckend normal. Emotionen verdrängen jeden Gedanken und schaffen die Grundlage für ein solches Verhalten. Aber kann ich die Verantwortung dafür tragen, dass Jose Depressionen, als Erblast mit ins Leben bekommen hat? Kann man mich dafür verantwortlich machen, dass er einfach seine Pillen abgesetzt hat? Kann ich seine ablehnende Haltung gegenüber jeder Form von Behandlung, trotz meines „ich steh das mit Dir durch“ verantworten? Bin ich der Verantwortliche für eine Krankheit, die seit seiner Kindheit in ihm tobt? Es hat lange gedauert, bis ich die Mechanismen seiner Erkrankung und die von trauernden Menschen erkannte und die Schuldfrage mich nicht in einen erneuten Suizid getrieben hat. Trotzdem war mein Leben vorbei. Es war nichts davon über. Ich war unfähig einkaufen, zu gehen, zu arbeiten, anständig zu essen, zu denken, das Weinen zu stoppen und der Perspektivlosigkeit Einhalt zu gebieten. Mit jedem Atemzug konnte ich weniger leben – ich wollte es auch nicht mehr. Ein erneuter Suizid war nur eine Frage der Zeit. Dieses Mal wäre es ein Sterben aus freien Stücken, weil ich die seelischen und physischen Belastungen und die mir zugewiesene Schuld nicht weiter ertragen hätte. Mein Leben, das keines mehr war, versank in einem monströsen Alptraum. Gehalten haben mich meine zahlreichen Freunde.

"Gehalten haben mich meine zahlreichen Freunde. Sie hatten alle einen Notfallplan in der Tasche, dadurch war ich vier Monate lang keine Minute mehr allein."

Sie hatten alle einen Notfallplan in der Tasche, weil sich drei Jahre zuvor, Frank unser aller Freund das Leben nahm. Dadurch war ich vier Monate lang keine Minute mehr allein. Sie haben Urlaub genommen, sich im Schichtdienst abgewechselt, mit mir geweint und mich mit Ihrer Liebe und Freundschaft am Leben erhalten. Mein Freund Luis in Los Angeles telefonierte jeden Tag mit mir. Selbst mein Psychologe und der von Jose telefonierten wochenlang, täglich mit mir. Es hat trotzdem nicht gereicht, weiter leben zu wollen. Jeder der mir sagte, dass er mir helfen wolle, bekam meinen stummen Schrei „das kannst Du nicht“ zur verzweifelten Antwort.

Der Verein TREES of MEMORY e.V. hilft Betroffenen direkt nach einem Suizid.

Die Entstehung von TREES of MEMORY

Im September 2016 war ich quasi am Ende und es war höchstens eine Frage von wenigen Tagen, bis der Tod mich holen käme. Weinend stand ich unter der Dusche, als mir frühmorgens der Gedanke von TREES of MEMORY in den Kopf gepflanzt wurde. Einfach so hatte ich plötzlich das Bild vor Augen, um die Welt zu laufen und Bäume der Erinnerung für Menschen zu pflanzen, die sich suizidiert haben. Bäume, die zudem an die Hinterbliebenen erinnern und als lebendes Mahnmal gegen die Schuldfrage gerichtet, dem Tabu und der Stigmatisierung des Suizides, dem letzten Symptom diverser psychischer Erkrankungen entgegenwirken mögen. Bäume, die den Menschen helfen, eine neue Perspektive einzunehmen. Erinnerungsbäume, die Mut machen sollen und auf einem Ring um die Erde, für die Unendlichkeit des Lebens stehen. Das alles war plötzlich in meinem Kopf. Als komplett fertiges Konzept geliefert, wie ich immer sage. Im ersten Moment dachte ich: „Du hast nicht mehr alle Latten am Zaun, jetzt wirst Du eingeliefert. Was für eine übergeschnappte Idee“.

"Ich wurde an diesem Morgen von einer Vision überrumpelt, die mir überraschend einen Lebenssinn gab und einen Unterschied machte."

Ich wurde an diesem Morgen von einer Vision überrumpelt, die mir überraschend einen Lebenssinn gab und einen Unterschied machte. Dort wo ich resignierend auf den Tod wartete, kam mir das Leben entgegen und offerierte einen Auftrag. Es lag an mir, diesen anzunehmen oder zu sterben. Ein Jahr später gründeten elf Menschen den gemeinnützigen Verein TREES of MEMORY e.V., der heute Mitglieder aus verschiedenen europäischen Ländern hat. Der Verein hilft Betroffenen direkt nach einem Suizid. Dazu wurden die „1. Anlaufstellen“ geschaffen. Bundesweit werden, in bisher 14 Regionen, den Hinterbliebenen Paten an die Seite gestellt, die helfen in den ersten Wochen und Monaten, die Dramatik eines Suizides zu überstehen. Sie unterstützen bei der Suche nach Psychologen und sehen sich als Brücke zu anderen Institutionen, die mit Selbsthilfegruppen langfristig Beistand anbieten können.

Wir fragten uns bei der Entwicklung der 1. Anlaufstellen: „Was hätten wir gebraucht in der Zeit nach der Todesnachricht“? Die Antworten darauf, versucht der Verein mithilfe seiner Paten zu liefern. In diesem Jahr wurde zusätzlich ein Konzept erstellt, das sich im Sinne der Suizidprävention an Schulen wendet. Wir möchten Vorträge zum Thema Depressionen und Suizidalität halten und Jugendliche sensibilisieren. Liebeskummer kann zu einer depressiven Störung werden, die tötet. Davon sollten die Schüler wissen, bevor es zu spät ist. Eltern geben oft nicht zu, dass das eigene Kind in psychotherapeutischer Behandlung ist und erst nach einem Suizid öffnen sich betroffenen Mütter und Väter. Dabei ist der Suizid bei Kindern und Jugendlichen unter 25 Jahren, die zweithäufigste Todesursache. Trotzdem wird das Thema an Schulen und unter den Eltern totgeschwiegen. Wir möchten und wir müssen aufklären. Depressionen und Suizidalität sind behandelbare Krankheiten, wenn man sie rechtzeitig angeht.

An Ostern 2018 bin ich schließlich von Frankfurt am Main aus losgelaufen. Meine Wohnung wurde zuvor aufgelöst und alles Hab und Gut verkauft, verschenkt, weggeworfen. Mein Lauf um die Erde hat am zweiten Todestag von Jose begonnen. Ich laufe und pflanze Bäume der Erinnerung. Über 4000 km habe ich zwischenzeitlich zurückgelegt und befinde mich immer noch in Deutschland, weil es nach wie vor viele Bäume einzupflanzen gibt. Die Orte, an denen die Bäume gesetzt werden, bestimmen die Laufroute. Im kommenden Jahr möchte ich Deutschland in Richtung Österreich verlassen. Ich habe Einladungen aus 13 Ländern. Keine Kultur und keine Religion können einen Suizid verhindern. Das Leid ist meist dasselbe. Das Tabu und die Stigmatisierung ebenfalls. Die Zahlen nehmen weltweit zu. Über eine Million Suizidopfer pro Jahr. Alle 40 Sekunden tötet sich ein Mensch. In Deutschland sind es über 10 000 jährlich. Als Kollateralschaden an den Umständen um Corona, sind die Suizidzahlen heuer um ein Vielfaches höher. Das wird leider länger anhalten, da bin ich mir fast sicher.

Mario Dieringer unterwegs für seinen Verein TREES of MEMORY e.V.

Meine Berufung als Trauerredner

In den Herbst- und Wintermonaten muss ich einer bezahlten Tätigkeit nachgehen, damit TREES of MEMORY finanziert werden kann. Trotz aller Spenden, die an mich direkt gehen oder an den Verein getätigt werden, reichen die Mittel nicht, um mich vollständig diesem Lebensthema zu widmen – leider. Sponsoren bleiben aus, weil sie den Tod sehen und nicht die Botschaft des Lebens, die ich voller Überzeugung in die Welt trage, Schritt für Schritt. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben. Eines Tages werden sich Unternehmer finden und uns helfen ein Signal für das Leben zu setzen. Bis es so weit ist, arbeite ich weiter in Berlin als Trauerredner.

"Tief im Herzen verankert fühlen wir alle, dass niemand geht und plötzlich weg ist."

„Was, noch ein Thema, das sich mit dem Tod beschäftigt?“, fragten sich viele meiner Freunde und Bekannten. Ja, der Tod ist mit dieser erfüllenden Tätigkeit zu meinem ständigen Begleiter geworden. Ich bin laufend mit Menschen konfrontiert, die leiden und für die der Verlust zu einer immensen Herausforderung wird. Ich sehe Herzen brechen, Seelen in die Dunkelheit abgleiten und erfahre, welch mächtiges Instrument die Liebe ist. Ich spüre, wie die Liebe, während den Bestattungen Freunde und Hinterbliebene berühren. Es fließen Tränen, die eine neue Beziehung bewässern, die man mit den Verstorbenen eingehen muss. Tief im Herzen verankert fühlen wir alle, dass niemand geht und plötzlich weg ist. „Ja habt Ihr denn nicht gesehen und verspürt, dass Marco die ganze Zeit neben uns gestanden ist, als ihn der Bestatter abgeholt hat?“, fragte im letzten Winter ein junger Mann voller Überraschung. Mütter berichten mir von Zeichen, die Sie von Ihren verstorbenen Kindern übermittelt bekommen. Andere hören Ihre Angehörigen und eine Mutter, die der Schmerz des Verlustes in den eigenen Suizid trieb, hörte eine Stimme, die Ihr, während sie auf den Baum zu raste mitteilte: „Deine Zeit ist noch nicht gekommen“. Begleitet wurde diese Stimme vom Ruf des anderen eigenen Kindes, das derweil nichtsahnend bei der Oma saß und mit seinem lauten „Mama“, als Liebesbotschaft, den Tod, der Mutter verhindert hat, ohne sich dessen bewusst zu sein. Ich höre von Menschen, die mithilfe eines Mediums Kontakt zu den Verstorbenen suchen und mir mit leuchtenden Augen von Botschaften berichten, die Frieden in die Trauer bringen. Egal mit wem ich rede, gleich, unter welchen Umständen jemand verstarb, die Frage nach dem „Warum“ und „Was kommt dann“, lässt niemanden unberührt. Auch mich nicht. Nicht selten passiert es mir, dass ich während einer Trauerrede, für einen kurzen Moment, kein Wort sagen kann, weil mich das Mitgefühl an die Hand nimmt und mir gebietet, einen flüchtigen Augenblick zu schweigen, damit meine Worte wirken und die Anwesenden den Verstorbenen spüren können. Ich erlebe Menschen, die mir trotz der Todesumstände glücklich und erlöst erscheinen. „Endlich durfte er oder sie gehen“, sagte man mir. „Ja ich komm gleich“, rief die Mutter eine Sekunde, bevor sie mit einem erlösenden Lächeln verstarb, erzählte mir Ihre Tochter Claudia, weinend im Trauergespräch. Ihre Tränen waren Zeugnisse des Glücks und der Gewissheit auf ein positives danach. Patrick hat das Fenster geöffnet, nachdem sein Onkel im Krankenhaus nach langen quälenden Stunden verstorben war. „Seine Seele sollte ungehindert rausgehen“, sagte er.

Mir macht der Tod Mut

Ich höre und ich sehe so viele ermutigende Begebenheiten in den Trauergesprächen, die sich wie ein Puzzleteil in meine eigenen Gedanken schmiegen, die ich in der Stille des täglichen Laufes durch Deutschland erfahre. Tausende von Kilometern in denen ich mich mit dem Leben, dem Sein und dem Tod beschäftige. Ich bin immer den Elementen ausgesetzt und sehe die unendlichen Wunder der Natur und mit jeder Sekunde wächst meine Gewissheit und Zuversicht, dass all das, was uns umgibt, kein Zufall ist. Die große Bewegung, in die unser kleines persönliches Leben eingebunden ist, werden wir hier auf Erden nicht erfassen. Egal welche Weltanschauung oder Religion wir angehören, was auch immer wir denken, ist Spekulation. Aber die Emotionen, die wir erfahren und die vielen Zeichen, die oft unerkannt am Wegesrand liegen, sind real. Wir müssen sie nicht interpretieren und einordnen oder intellektuell auseinander nehmen. Es genügt sie zu erspüren und die individuellen Botschaften aufzunehmen. Wir wissen nicht, ob ein langes Leben ein Geschenk oder ein Anzeichen dafür ist, dass wir es nicht geschafft haben unsere Seelenaufgaben zu lösen. Wer weiß schon, ob ein früher Tod nicht ein Präsent ist und die Seele im unbekannten Daseinsprozess eine Ebene aufsteigt. „Vitus war so unfassbar sensibel, weise und intellektuell und jedermann spürte, dass mein kleiner Sohn etwas ganz besonderes war. Er wusste viel mehr über das Leben, als wir erahnen“, berichtete mir Helga, über ihren Sohn, der sich mit 14 Jahren das Leben nahm. Sie spürt ihn nach wie vor. Sie fühlt trotz aller Trauer, dass ihn etwas Positives umgibt. Sie hatte keine Kenntnis darüber, dass er Depressionen hatte. Erst seine Tagebücher eröffneten Ihr seine geheime und tieftraurige Welt.

"Trotzdem möchte ich 100 Jahre alt werden, weil es so viel Spannendes und Neues zu entdecken gibt."

Egal wie ich das Thema Tod drehe und wende, meine Angst vor dem natürlichen Sterben wird mir immer fremder. Ich entwickle eine unfassbare Neugier auf das Dahinter. Trotzdem möchte ich 100 Jahre alt werden, weil es so viel Spannendes und Neues zu entdecken gibt. Ich möchte die Bäume der Erinnerung wachsen sehen. Ich bin neugierig auf die großen Zusammenhänge des Lebens und will mehr davon erfahren. Jeden Tag versuche ich zu nutzen Überzeugungsarbeit zu leisten, wenn es um die Behandlung von Depressionen und Suizidalität geht. Ich möchte mit jedem Tag spüren, dass der Tod von Jose nicht umsonst war und neue Existenzen entstehen lässt, weil sich deren Perspektive positiv verändert, sie wieder leben wollen und damit diese Welt auf lokaler Ebene ein klein wenig verbessert wird. Ich führe eine neue Beziehung mit Jose im Herzen und ich lebe ein Stück weit für ihn. Trotzdem darf ich wieder Mario sein, ein anderer als der, den er kannte.

Ich bin bereits gestorben. Ich durfte nochmals neu anfangen. Ich bin mir sicher, dass kein einziger Suizid notwendig oder von welcher Macht auch immer gewünscht ist. Mein Lebensverlauf beweist mir, dass egal wie die Krankheit Depression vorangeschritten ist, es einen Weg, zurück in ein erfülltes Leben geben kann. Einen Gang, den man nur selbst antreten kann. Das ist die Herausforderung, an der viele Erkrankte scheitern. Wollen und Können sind leider zwei verschiedene Paar Schuhe. Deshalb pflanze ich mit TREES of MEMORY Mutmacherbäume und zeige jeden Tag, wie sich mein Leben immer wieder neu gestaltet. Aus diesem Grund berichte ich in meinem Buch „#psychisch erkältet“, was alles dazu beigetragen hat, mir erneut den Mut zu geben, das Leben neu zu gestalten und zu bewahren. Die Hoffnung, nur einen einzigen Satz von mir zu geben, der einen Lebensweg in neue und erfüllte Bahnen lenkt, treibt mich an. Dieser Grundgedanke leitet mich auch, wenn ich eine Trauerrede halte, deren Inhalt dem Leben und den fröhlichen Seiten des Betrauernden gewidmet ist. Glückliche Erinnerungen erzeugen positive Emotionen. Der Abschied darf mit einem weinenden und mit einem lachenden Auge vollzogen werden. Am Ende sollte die Dankbarkeit überwiegen, Teil des erfüllten Lebens gewesen zu sein, das zu Grabe getragen wird und trotzdem nie vorbei sein wird. Tief im Herzen spüren wir alle, dass wir uns eines Tages wieder sehen werden.

Für das Vertrauen, das Hinterbliebene in mich setzen, wenn ich als Redner gebucht werde, bin ich unendlich dankbar. Ihr Lachen und Ihre Tränen treiben mich an, ein noch besserer Trauerbegleiter zu werden. Klug gewählte Worte helfen hoffentlich, die traurigen Abschiede stets würdevoll zu gestalten. Des Weiteren bin ich dankerfüllt dafür, die große Aufgabe TREES of MEMORY, als Lebensgeschenk erhalten zu haben. Um dem gerecht zu werden, unterstützt mich tagtäglich die Liebe, die Hoffnung und die Sinnzentrierung meines Seins. Mir hilft eine Zuneigung, die mir die Angst genommen hat zu leben. Eine Herzenswärme, die mich eines Tages dabei unterstützen wird, neugierig, mit frohem Herzen und hoffentlich steinalt, in die unbekannte Dimension des Todes zu gleiten.


Auf den Websites http://www.treesofmemory.com von Mario Dieringer und http://www.treesofmemory-ev.com des Vereins, können weitere Informationen zum Lauf um die Welt, als auch zur Vereinstätigkeit gefunden werden. Dort gibt es auch verschiedene Möglichkeiten beides finanziell zu unterstützen. Bäume der Erinnerung können über die Vereinsseite bestellt werden. Über Fördermitglieder und neue Paten, die eine „1. Anlaufstelle“ übernehmen wollen, würde sich der Verein sehr freuen. Dazu einfach Kontakt über info@treesofmemory-ev.com aufnehmen.

Wenn Du 2021 für einige Tage mitlaufen möchtest, dann wende Dich bitte direkt an den 53jährigen Journalisten. Er ruft ausdrücklich dazu auf, ihn zu begleiten und neue Perspektiven zu betrachten.

Wenn Du Mario Dieringer als Sponsor für eine Laufperiode oder langfristig als Sponsor unterstützen willst, kannst Du über info@treesofmemory.com direkt Kontakt mit ihm aufnehmen.

Dieringers Buch „#psychisch erkältet“ gibt es überall dort, wo es Bücher gibt und im Online-Handel. Mario Dieringers Angebot als Trauerredner für eine Bestattung zu buchen findest Du auf den Seiten von Emmora oder auf http://www.berlin-trauerredner.de. Anfragen kannst Du per Email an info@berlin-trauerredner.de oder telefonisch unter 0176-58880435 stellen.


Für alle, die Hilfe und Unterstützung zum Thema Suizid benötigen, haben wir hier einige Kontakt- und Beratungsstellen gelistet, die euch zur Seite stehen: Informationen und Beratung - Diese Experten helfen bei Depressionen und Suizid in Berlin

Weitere Artikel lesen

Das könnte Dich auch interessieren.

Trauerfloristik - Ein Zusammenspiel aus Formen, Blumen und der Schleife

Es ist eine Tradition und ein allseits bekannter Brauch, Blumen zur Trauerzeremonie und am Grab des verstorbenen Menschen niederzulegen. Die Auswahl der Blumen mag oft noch leicht fallen aber welche Art des Arrangements passend ist, kann man schwer einschätzen, weil man über den Blumenschmuck für Gräber so wenig weiß. Das ändern wir jetzt!

7 Dinge, die ich gern vorher über Trauer gewusst hätte

Warum wir etwas über Trauer wissen sollten, bevor sie uns erwischt.

Suizid und die kirchliche Trauerfeier

Wie man als Bestatter mit Suizid umgeht -Teil 3