Rede darüber – Wie ich als Angehörige*r einem nahestehenden Menschen mit Depressionen helfen kann

Schlechte Laune, keine Motivation für den Sportkurs oder gereizt von dem ganzen Trubel – Stimmungsschwankungen kennt jede*r. Sie sind aber meist nur kurze Phasen und legen sich mit der Zeit wieder. Was ist aber, wenn sich Niedergeschlagenheit, Interessensverlust und Antriebslosigkeit über eine längere Zeit bei einem Freund bzw. einer Freundin zeigen? Und wie kann ich ihm bzw. ihr dann helfen? Das erfahrt Ihr in diesem Beitrag von Freunde fürs Leben Vorstandsvorsitzende Diana Doko.

Wie kann ich Stimmungsschwankungen von einer Depression unterscheiden?

Diana Doko: Im Unterschied zu deprimiert sein oder Traurigkeit ist es bei einer Depression schwer bis unmöglich, das alltägliche Leben zu meistern. Um den Unterschied zu erkennen, kannst du dich gemeinsam mit deinem Freund bzw. deiner Freundin an drei Punkten orientieren. Erstens der Schweregrad: Wut, Traurigkeit, Reizbarkeit, Einsamkeit, Apathie, Unsicherheit und andere negative Emotionen sind viel intensiver, wenn der bzw. die Betroffene eine Depression hat. Zweitens unterscheidet sich die Dauer: Wenn dein Freund bzw. deine Freundin länger als zwei Wochen ohne Unterbrechung mit den Hauptsymptomen einer Depression wie tiefe Traurigkeit, Interessenverlust und Antriebslosigkeit zu kämpfen hat, spricht man nicht mehr von schlechter Laune. Der dritte und letzte Punkt sind die Lebensbereiche: Wenn die negativen Gefühle sich in mehreren Lebensbereichen – Zuhause, in der Schule, bei der Arbeit, im Freundeskreis – zeigen, kann auch das auf eine Depression zurückzuführen sein.

Was ist der erste Schritt, wenn ich mir Sorgen um eine nahestehende Person mache?

Diana Doko: Wenn du das Gefühl hast, dass sich eine Dir nahestehende Person zurückzieht, sich für nichts mehr interessiert, verzweifelt und “ganz anders” als sonst wirkt, ist der erste Schritt, nachzufragen und zuzuhören. Geh auf ihn bzw. sie ein und zeige Interesse an den aktuellen Sorgen und Belastungen. Damit vermittelst du deinem Freund oder deiner Freundin, dass du für ihn bzw. sie da bist.

Wie finde ich die richtigen Worte?

Diana Doko: Wenn es einer nahestehenden Person nicht gut geht, verfallen wir schnell in den Rettermodus: Wir wollen die Probleme am liebsten sofort aus dem Weg räumen, damit es dem oder der Anderen besser geht. Das verleitet uns oft zu gut gemeinten Ratschlägen. Gute Ratschläge und ein Schulterklopfen helfen da aber meistens nicht. Halte dir vor Augen, dass du deinem Freund bzw. deiner Freundin signalisieren möchtest: Du bist mir wichtig und ich nehme dich und deine Gefühle ernst. Die richtigen Worten zu finden kann schwer fallen, aber lass dich nicht von der Angst etwas falsch zu machen, lähmen. Sprich an, was dir aufgefallen ist und frag dein Gegenüber: “Wie geht es dir wirklich?”. Gib deinem Freund oder deiner Freundin Raum sich zu öffnen und stelle Nachfragen, ohne zu urteilen.

Was kann ich nach dem Gespräch tun?

Diana Doko: Wenn du dich damit wohlfühlst, mache weitere Gesprächsangebote. So bleibst du mit deinem Freund oder deiner Freundin in Kontakt und die Person weiß, dass sie sich jederzeit an dich wenden kann. Außerdem ist es sehr wichtig, gemeinsam nach professioneller Hilfe zu suchen. Denn ihr müsst mit dieser herausfordernden und belastenden Situation nicht alleine bleiben. Beratungsstellen, Ärzt*innen und Psychotherapeut*innen können den bzw. die Betroffene unterstützen, nach einer Lösung die psychische Belastung zu suchen.

Seit 2001 klärt der Verein Freunde fürs Leben e.V. Jugendliche und junge Erwachsene über die Themen Suizid (Selbstmord) und seelische Gesundheit auf. 

Wo finde ich professionelle Hilfe?

Diana Doko: Professionelle Hilfe kann vielseitig aussehen. Ob am Telefon, online oder vor Ort können euch ausgebildete Berater*innen, Psycholog*innen und Psychotherapeut*innen in Krisensituationen unterstützen. Im Freunde fürs Leben Hilfsangebote-Finder findest du erste Anlaufstellen mit Fachleuten, die sich der Probleme deines Freundes bzw. deiner Freundin annehmen. Darüber hinaus kann eine Therapie bei einem bzw. einer Psychotherapeut*in langfristig Hilfe bieten. Auf psych-info.de kann die betroffene Person einen oder eine passende Psychotherapeut*in in ihrer Nähe finden. Derzeit gibt es außerdem eine Vielzahl an telemedizinischen Angeboten, die mit Online-Therapie sowie Online-Trainings die betroffenen Personen in ihrer Krise unterstützen können.

Was kann ich tun, wenn eine nahestehende Person Suizidgedanken hat?

Diana Doko: Bei dem Verdacht, dass dein Freund oder deine Freundin Suizidgedanken hat, solltest du – auch wenn es nicht einfach ist – direkt nach konkreten Suizidgedanken fragen. Auch hier gilt: Hör der betroffenen Person zu, verurteile sie nicht für den Wunsch, sich das Leben nehmen zu wollen – nimm es ernst. Bedenke, dass ein Problem, mit dem du gut zurecht kommst, für einen anderen Menschen nicht zu bewältigen sein kann. Mache weitere Gesprächsangebote. Bleib mit der Suizidabsicht, von der du gehört hast, nicht allein: Such dir Ansprechpartner*innen wie Eltern, Lehrer*innen und Beratungsstellen.

Wie unterstützen Freunde fürs Leben e.V. bei Depression und Suizidgedanken?

Diana Doko: Mit unserem Verein Freunde fürs Leben leisten wir seit 2001 Aufklärungsarbeit zu den Themen seelische Gesundheit, Depression und Suizid. Jedes Jahr nehmen sich fast 10.000 Menschen das Leben, davon 520 Jugendliche und junge Erwachsene. Noch immer sind psychische Erkrankungen ein Tabuthema in unserer Gesellschaft.

Freunde fürs Leben wollen das ändern. Wir setzen uns für eine Gesellschaft ein, in der offen über psychische Krisen gesprochen wird, Betroffene auf schnelle Hilfe zugreifen können und junge Menschen über gesundheitsfördernde Faktoren Bescheid wissen. Hierfür verbreiten wir auf unserer Website und unseren Social Media-Kanälen wie Instagram und Facebook lebensrettendes Wissen über Depression und Suizid und zeigen Hilfsangebote auf. Auf frnd.tv und im Podcast Kopfsalat sprechen wir mit Prominente über ihre Krisen und zeigen: Es ist okay, Krisen zu haben und es ist okay, Hilfe anzunehmen. Unsere Botschaft: Redet darüber. Denn ihr und eure seelische Gesundheit seid wichtig.


Für alle, die Hilfe und Unterstützung zum Thema Suizid und Depressionen benötigen, haben wir hier einige Kontakt- und Beratungsstellen gelistet, die euch zur Seite stehen: Informationen und Beratung - Diese Experten helfen bei Depressionen und Suizid in Berlin

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