Ein spannendes Gespräch mit der Autorin und Sterbeamme Anke Gerstein über die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit, dem Tod als Thema in der Corona Pandemie und Wege zum gesunden Umgang mit dem Sterben.

Liebe Anke, 

Gerade ist dein Buch “Sterben - wie ein Profi” erschienen. Vor allem geht es um das “gute Sterben” und wie es gelingen kann. Wie würdest du “gutes Sterben” in 3 Sätzen definieren? 

Gutes Sterben bedeutet für mich persönlich ohne Widerstände das anzunehmen, was gerade ist und mutig dem Übergang entgegen zu schreiten. Eine Haltung zu entwickeln, die man normalerweise gegenüber Abenteuer hat: Mit Neugierde, Vorfreude, Spannung, aber auch mit einer Portion Aufregung sich in das Ungewisse zu geben. Ich hatte einmal einen Gast, Roswitha, die sich sehr auf den Moment gefreut hat, über den die Menschen, die bereits ein Nahtoderlebnis hatten, berichten. Dem Moment der Begegnung mit dem Licht, der allumfassenen Akzeptanz und des Gefühls des Angenommenseins.

Für mich gehört auch noch ein Gefühl dazu: Nichts zu bereuen, ein friedliches Umfeld zu hinterlassen, meine Dankbarkeit ausgedrückt zu haben und auf ein mich erfüllendes, aus meiner Sicht sinnvolles Leben zurückblicken zu können.

Wann sollte man sich mit dem (eigenen) Sterben auseinandersetzen? 

Optimalerweise so früh wie möglich. Wir haben ja alle die gleiche Diagnose und wissen nicht, wann unsere Lebenszeit hier abgelaufen ist. Ich halte viel von dem Satz, lebe jetzt hier so, als wenn es dein letzter Tag wäre. Das heißt, hinterlasse keine offenen Angelegenheiten in deinem Umfeld. Und schiebe nichts auf die lange Bank.

Über den Umgang mit dem Tod können wir z.B. von unseren Kindern sehr viel lernen. Sie begegnen der Endlichkeit noch unvermittelter, was wir im Laufe unseres Lebens verlernen. Für sie gehört der Tod eher zum Leben, das heißt nicht, dass sie nicht auch trauern, wenn ein geliebter Menschen stirbt. Deshalb plädiere ich darauf, die Kinder nicht auszuschließen, wenn sie mit Sterben konfrontiert werden. Sie haben auch so die Gelegenheit, Strategien aufzubauen, mit Verlusterlebnissen umzugehen.

Meine Vision ist, das Thema Leben und Sterben als Unterrichtsfach einzuführen. Der Umgang mit unserer Vergänglichkeit bestimmt die Art unseres Lebens. Wenn man in jungen Jahren aufzeigen kann, wie spannend dieses Thema sein kann, und vor allem, was daraus resultieren könnte, wenn man sich seiner eigenen Vergänglichkeit bewusst ist, dann schafft das eine Grundlage für ein sinnerfülltes Leben. Und damit auch für einen friedlichen Abschied.

Wie hast du die Auseinandersetzung mit der Endlichkeit seit der Pandemie und innerhalb der Gesellschaft erlebt? 

Die Pandemie hat gezeigt, wie anfällig wir sind, was das Thema Sterben angeht. Dass wir so in Angst und Schrecken versetzt werden konnten, zeigt mir, wie groß die Angst vor dem Sterben ist und wie sehr wir das Thema gesellschaftlich ausgeklammert haben. Es gab immer schwere Krankheiten, die zum Tode führten. Auf einmal wird uns eine Krankheit davon vor Augen geführt und wir geraten in Panik. Für viele ältere Menschen kann eine Erkrankung auch eine Erlösung bedeuten. Früher war es die Lungenentzündung, die war der Freund des alten Menschen, so hieß es. Heute darf niemand mehr sterben. Wir versuchen das auf Biegen und Brechen aufzuhalten, achten dabei aber auch nicht auf Lebensqualität. Ob es dem Opa im Heim gut geht, interessiert die Gesellschaft nicht, Hauptsache, er lebt.

Nun meinen wir, dass wir durch die Impfung gerettet und vor dem Tod bewahrt sind. Das ist natürlich ein Trugschluss. Sterben werden wir so oder so, wenn es an unserer Zeit ist. Ich hatte auch stark den Eindruck, dass viele Menschen, aus Angst vor dem Sterben, aufgehört haben zu leben. Sie schlossen sich viele Monate in ihrer Wohnung ein und isolierten sich von dem wahren Leben, was draußen in Beziehung zu anderen Menschen abläuft. So etwas hat mich persönlich erschreckt, dass es so weit kommen konnte.

Siehst du darin eine Chance für einen neuen, vielleicht offeneren Umgang mit der Endlichkeit? 

Ehrlich gesagt bin ich mit den Monaten während der Pandemie pessimistisch geworden, was das angeht. Viele Menschen sind einfach panisch, was dieses Virus angeht und für sie geht es lediglich darum, die Kontrolle darüber zu gewinnen. Durch die Masken, die Testungen und die Impfung wurde uns das vorgegaukelt, dass wir dazu in der Lage sind. Aber dass das eine Illusion ist, Sterben zu entgehen, wird noch ein schmerzhafter Erkenntnisprozess werden.

Ich habe auch nie diesen Ansatz gehört, sich mit dem Sterben auseinanderzusetzen, um davor seine Angst zu reduzieren. Wir wissen ja lange, dass Angst sich negativ auf unser Immunsystem auswirkt. Von daher könnte das auch eine Corona-Präventivmaßnahme sein.

Wie wandelt man die Angst vor dem Tod in einen gesunden Umgang mit dem Tod am Besten um? 

In meinem Buch beschreibe ich einige Menschen, denen es gelungen ist, sehr friedlich zu sterben. Ich habe versucht, einige Aspekte herauszuarbeiten, die dazu geführt haben könnten. Zunächst hatten sich diese Menschen im Vorfeld mit dem Thema Sterben und Nachtod auseinandergesetzt, Aus meinen Beobachtungen heraus hilft es, eine Jenseitsvorstellung zu haben. Diese kann man sich erarbeiten. Es gibt viele Nahtoderlebnissberichte, und auch mehr Menschen, als man denkt, die solche Erfahrungen schon einmal hatten. Was diese Menschen auszeichnet ist, dass die meisten keinerlei Angst mehr vor dem Tod haben. Aber auch diejenigen, die glauben, es käme nichts mehr, können beruhigt sein - denn das wäre dann ja wie Tiefschlaf. Sich so etwas bewusst zu machen, hilft, vor allem werden unsere Urängste greifbarer. Wenn wir uns mehr mit dem Sterben befassen würden, dann würde uns auffallen, dass es Phänomene gibt, die wir so nicht erklären können. Zum Beispiel haben wir oft Sterbende, die ihre verstorbenen Angehörigen sehen und von ihnen offensichtlich abgeholt werden. Das ist ja auch schon eine beruhigende Vorstellung.

Im Vorfeld können wir viele Aspekte üben, die uns im Sterbeprozess abverlangt werden. Empfangen, Hilfe zulassen, Kontrolle abgeben, materielle Dinge loslassen können, zum Beispiel. Auch hilft es uns, wenn wir uns konkrete Informationen über den Sterbeprozess einholen, denn je mehr Informationen wir haben, desto besser können wir das Geschehen einordnen. Es ist gut, sich ein soziales Umfeld zu schaffen mit Menschen, die einen begleiten. Und vor allem, offen über dieses Thema zu kommunizieren. Das schafft viel Gemeinsamkeit, viel Frieden, Klarheit und Entspannung.

Ein wichtiger Aspekt ist auch der, dass ich für ein wahres gelebtes Leben sorge. Dafür bin ich selbst verantwortlich. Das heißt für mich, zu erforschen, was möchte ich wirklich in meinem Leben, was erfüllt mich und das auch versuchen, zu leben. Wenn mir das gelingt, kann ich dann auch gut abtreten, wenn es an meiner Zeit ist. Es gibt noch viele Dinge, die man tun kann, um seine Angst vor dem Sterben zu reduzieren. Dazu gehört u.a. die Erforschung seines wahren Selbst- das kann man mit Hilfe von Meditation machen.

Wie hast du persönlich den Zugang zu dem Thema und der Auseinandersetzung damit gefunden? 

Das Thema Sterben hat mich bereits in meiner frühen Kindheit fasziniert. Ich meine, ich hatte als kleines Kind während einer OP eine kurze Nahtoderfahrung. In meiner Erinnerung blieb ein unbeschreibliches Gefühl von tiefer Liebe und bedingungsloser Annahme, was sich jahrelang noch in Träumen wiederholte. Im Rahmen meiner Ausbildung zur Krankenschwester beschäftigte ich mich intensiv mit Nahtoderlebnissen und ich weiß noch, wie ich zeitweise eine immense Neugierde und Vorfreude auf diesen Übergang in mir spürte. Vor 20 Jahren durfte ich dann meinen Vater beim Sterben begleiten. Er starb an Krebs bei uns zu Hause und machte mir vor, wie mutig und einvernehmlich man sterben kann. Wir standen als Familie in dieser Zeit eng zusammen, und intuitiv hatten wir alles so gemacht, wie es besser nicht hätte ablaufen können. Das war eigentlich der Ausgangspunkt, dass ich anderen Menschen solch eine Erfahrung auch ermöglichen wollte. Deshalb orientierte ich mich später in den palliativen, hospizlichen Bereich. Nachwievor beschäftige ich mich mit dem Thema Sterben und meiner Angst davor. Ich muss sie mir immer wieder anschauen, ich übe und hoffe, dass ich das später dann auch wie so mancher Gast in unserem Hospiz gut hinbekomme. Aber das Üben macht mir Freude und durch meine Arbeit werde ich immer an die Vergänglichkeit erinnert. Das relativiert so manche vermeintliche Herausforderung in meinem Leben.

Anke Gerstein im Interview mit Luna Schön

Über die Autorin Anke Gerstein

Anke Gerstein ist Palliativkrankenschwester, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Autorin und Sterbeamme. Ihr Fokus liegt darauf, Menschen durch Bewusstseinsarbeit zu unterstützen, in ihre Kraft zu kommen, ein erfülltes Leben zu leben und zu einem guten Abschluss zu kommen. Sie plädiert dafür, sich frühzeitig mit seiner Sterblichkeit auseinanderzusetzen und dem Thema mit Neugierde und Offenheit zu begegnen. 

Mehr über Anke Gerstein erfahrt ihr hier: www.Lebensfülle.eu

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