Was ein Hospiz mit der Bahn zu tun hat...

Eine anschauliche Geschichte über die Gegebenheiten am Lebensende.

Das Telefon klingelt. Am Apparat ist Annegret (Name geändert). Sie ist 84 Jahre alt und wohnt in einer Einrichtung für Betreutes Wohnen in einer großen Stadt in Deutschland. Annegret stellt ihre Frage:

„Meine Freundin, die im Nachbarzimmer wohnt und ich sprechen immer viel darüber, wie es sein mag, wenn wir eines Tages sterben. Hier in dieser Einrichtung wollen wir auf keinen Fall sterben! Wir haben gehört, es soll in einem Hospiz sehr schön sein. Und ein Platz dort würde nur € 700,00 kosten. Kannst du mir sagen, wie wir dorthin kommen können und was dort so schön ist?“

Ich hole tief Luft. Gedanken ziehen mir durch den Kopf. Mir ist klar, dass Annegret nur sehr, sehr wenig darüber weiß, was Begleitung und Unterstützung am Lebensende angeht. Und gleichzeitig kann ich mir lebhaft vorstellen, welche Sorgen und Gedanken die beiden Frauen in sich tragen. Ich kenne Annegret. Und ich erinnere mich sehr genau, dass sie der festen Meinung ist, dass nach ihrem Tod rein gar nichts mehr sein wird. 

Du brauchst dazu Mediziner*innen, die den Mut haben, die Dinge beim Namen zu nennen!

Ich erkläre ihr: „Ach, liebe Annegret, ich kann mir euren Wunsch sehr gut vorstellen und ihn auch sehr gut nachvollziehen. Doch den Wunsch, einen Hospizplatz zu bekommen würde ich dir nicht raten. Denn du wirst nur dann einen Hospizplatz bekommen, wenn du schwer erkrankt und im wahrsten Sinne des Wortes „austherapiert“ bist und keine Möglichkeit mehr besteht, deine Krankheit zu heilen. Du brauchst dazu Mediziner*innen, die den Mut haben, die Dinge beim Namen zu nennen und dir offen sagen, dass sie nichts mehr für dich tun können. Das ist die einzige Möglichkeit für eine Berechtigung, einen Hospizplatz zu bekommen“. 

Das war Annegret ganz und gar neu. Ich konnte die Fragezeichen in ihrem Gesicht fast durch den Telefonhörer „sehen“. „Bedeutet das dann, dass erst eine lebensbedrohliche und unheilbare Krankheit da sein muss, bevor ein Mensch dort aufgenommen wird?“ fragt sie. Ich bestätige ihr dies. Annegret ist etwas aus der Fassung.

Es sind wirklich schöne Orte - wenn sie frei von der Bedingung wären, dass der Tod direkt vor der Tür steht.

Ich erzähle ihr: „Hospize sind deshalb schön, weil dort tatsächlich die Würde eines Menschen geachtet wird. Die Menschen, die als „Gäste“ bezeichnet werden, leben in den letzten Tagen und Wochen vor ihrem Tod in einem sehr geschützten Ort. Sie können in dieser Zeit in Ruhe und bester Versorgung Abschied nehmen vom Leben. Sie bekommen Wünsche erfüllt, sie haben Einzelzimmer, können vertraute Gegenstände, sogar eigene Möbel bei sich haben, so lange schlafen, wie sie möchten und sind auch medikamentös bestens versorgt. Es sind wirklich schöne Orte - wenn sie frei von der Bedingung wären, dass der Tod direkt vor der Tür steht.“

Annegret ist beeindruckt. „Das müssten alle Menschen am Ende ihres Lebens bekommen“, seufzt sie. 

Ich suche ein Bild dafür und erzähle: „Schau, Annegret, es ist wie bei den Bahnhöfen in großen Städten. Dort warten Reisende auf den Zug, der sie an ihr Ziel bringen wird. Die meisten Menschen sitzen am zugigen Bahnsteig. Sie warten und wissen nicht, wann ihr Zug kommen wird. Wer jetzt einen stationären Hospizplatz bekommt, hat quasi Zugang zur DB-Lounge. Dort sitzt es sich warm, dort sind Sessel aufgestellt, Zeitungen liegen aus und die dort Wartenden können sich soviel Cappuccino, Tees und andere Getränke nehmen, wie sie wollen. Alles ohne irgendwelche Kosten. Das sind die Glücklichen, die Bahncomfortkund*innen sind. Alle anderen bleiben am Bahnsteig. Es ist also ein besonderer Komfort, der nicht für alle da ist. Jetzt ist die Frage, wie wird ein Mensch Comfortkund*in?“

Annegret ist eine kluge Frau. Sie denkt nach. „Womit kann das zusammenhängen? Ob so wenige Menschen in der Medizin sich überhaupt trauen, jemandem mitzuteilen, dass es keine Möglichkeit zur Heilung gibt? Ob es daran liegt, dass niemand sagt, dass so viel mehr Menschen am Bahnsteig sitzen und so wenige wissen, dass es eine DB-Lounge gibt?“ Ich stimme ihr zu.

Dass dazu gehört, die Sterblichkeit alles Lebendigen anzuerkennen, ist ein Hinweis darauf, dass in stetigen Schritten ein riesengroßes Tabu erlöst wird. 

All denen sei Dank, die in den letzten Jahrzehnten dafür gesorgt haben, dass eine DB-Lounge existiert. Das sind jene, die die vollen Bahnsteige, das Gedrängel dort und das Elend angesichts des Abschieds gesehen haben, und professionell und ehrenamtlich alles dafür getan haben, dass wenigstens einige Menschen die Chance bekommen, mit der Würde behandelt und begleitet zu werden, die ihnen laut Grundgesetz zusteht. Dass dazu gehört, die Sterblichkeit alles Lebendigen anzuerkennen, ist ein Hinweis darauf, dass in stetigen Schritten ein riesengroßes Tabu erlöst wird. 

Es ist eine große Aufgabe für uns alle, dafür zu sorgen, dass alle Sterbenden so würdevoll Abschied nehmen können. Davon allerdings sind wir noch weit entfernt.

Copyright Claudia Cardinal, 10-2020

Zur Person:

Jahrgang 1955, Mutter und Großmutter, begeisterte Brotbäckerin, langjährige Heilpraktikerin in eigener Praxis, Leiterin und Initiatorin der Sterbeammen- Akademie, Buchautorin.

Claudia Cardinals großes Anliegen ist es, neue Formen der Sterbe-und Trauerkultur zu entwickeln. Spiritualität bedeutet ihr in der Begleitung von Menschen in Lebenskrisen nicht nur die Achtung der Würde eines Menschen, sondern die Begleitung in eine neue und unbekannte Dimension hinein.

Buchveröffentlichungen:

Trauerheilung- ein Wegbegleiter, Patmos

Sterbe-und Trauerbegleitung, ein praktisches Handbuch, Patmos

Lebe und lerne Sterben, Patmos

Wir sehen uns, neue Wege in der Trauerkultur, Patmos

Alles, nur kein Kinderkram, Patmos

Gutes Leben, trotz Krebs und schwerer Krankheit, Herder

Ach, wenn ich doch unsterblich wäre, Verlagsgruppe Mainz

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