Was passiert mit den Bildern im Kopf der Angehörigen?

Wie man als Bestatter mit Suizid umgeht -Teil 2

Anmerkung der Redaktion: Unsere Interview-Partner und Autoren beschreiben ihre Erfahrungen zum Thema mentale Gesundheit und Suizid ehrlich und sehr offen. Daher bitten wir euch stets auf euer Bauchgefühl zu hören und abzuwägen ob ihr diesen Inhalt gerade lesen könnt und möchtet. Bei den Autoren bedanken wir uns von ganzem Herzen für ihre Geschichten und ihren Mut.

Wichtig ist das Wort „gemeinsam“

Wenn der Schock alles lahm legt, ist es schwer Worte zu finden – aber auch das ist aussprechbar. Sicher müssen Entscheidungen getroffen werden aber man geht anders an die Sache ran. Gemeinsam mit den Hinterbliebenen kann man sich einig werden auf ein gemeinsames im Schock funktionieren - manchmal auch nur gemeinsam stillschweigend – das Wichtige hierbei ist das Wort „gemeinsam“ – ein guter Bestatter ist einfach ein Mensch, der sich an die Bedürfnisse anpassen kann. Ein sehr heilsamer Prozess kann das Umsorgen des Leichnams sein. Zu wissen, dass man sich dem Verstorbenem fürsorglich und voller Respekt angenommen hat und für die letzte Reise würdevoll vorbereitet hat, kann sehr viel Trost gegeben.

Was bleibt und was nicht bleiben soll

Häufig werden bei einem Suizid die physikalische Gesetzte sichtbar. Die aufgebrachte Kraft als Wechselwirkungsgröße die zum Tode führt – deutlich, erschreckend erkennbare Kräfte und hinter alledem die Kraft der Entscheidung. Das alles hinterlässt Spuren. Teilweise entsteht durch einen Suizid eine sichtbare, körperliche Verletzung bis zur Unkenntlichkeit – wie bei einem Unfall. Im Beratungsgespräch kann man schnell erspüren, ob es wichtig für die Angehörigen sein könnte eine Auflösung „des letzten Bildes“ zu erhalten.

Gerade, wenn die Angehörigen die Person aufgefunden haben, sollte man anbieten, dass unter guten Bedingungen Abschied genommen werden kann. Wir können einiges tun, um einen Verstorbenen herzurichten – in besonderen Fällen kann ein ausgebildeter Thanotopraktiker hinzugezogen werden. 

Wie man den Abschied möglich macht

Meist ist „das Bild“ schon von Frieden gezeichnet, wenn das Blut weggewaschen ist, der Mund und die Augen geschlossen sind und die Einkleidung erfolgt ist. Durch die Verabschiedung kann nicht nur „das letzte Bild“ friedlicher werden, sondern es können auch die wiederkehrenden Zweifel und das „nicht wahrhaben wollen“, was die Verarbeitung blockieren könnte, deutlich gemildert werden. Man kann abdecken, was nicht gesehen werden sollte, kann unter der Decke nachbilden, wo Gliedmaße fehlen, zur Seite drehen, Pflaster oder Verbände verwenden, Haare über das Gesicht legen, bei Kopfverletzungen, kann man Angehörige nach einer Mütze des Verstorbenen fragen ... 

Lösungen sind vielfältig und einfach möglich- man muss nur davon wissen. Der Austausch über diese Möglichkeiten ist wichtig. Mit viel Einfühlungsvermögen beginnt hier eine gute und wertvolle Begleitung in der Trauer.

Geschrieben von: Nathalie Jess

Die Hamburgerin Nathalie Jess hat erfolgreich die Meister-Prüfung im Bestattungshandwerk absolviert, ist die Inhaberin der “Hamburger Bestattungsstube” und arbeitet beim GBI.  Mit all ihrer Erfahrung und ihrem einfühlsamen und lösungsorientierten Denken ist sie ein sehr wertvolles Mitglied unseres Netzwerks. Mit viel Engagement bringt sie sich immer wieder gerne ein und steht mit Rat und Tat zur Seite, sobald es um den Austausch über das Lebensende geht. Sie versteht den Tod als unmittelbaren Teil des Lebens und verkörpert dies durch ihre offene Art darüber zu sprechen. Vielen herzlichen Dank für diese spannende Reihe über drei Teile zu diesem Thema!

Für alle, die Hilfe und Unterstützung zum Thema Suizid benötigen, haben wir hier einige Kontakt- und Beratungsstellen gelistet, die euch zur Seite stehen: Informationen und Beratung - Diese Experten helfen bei Depressionen und Suizid in Berlin

Weitere Artikel lesen

Das könnte Dich auch interessieren.

7 Dinge, die ich gern vorher über Trauer gewusst hätte

Warum wir etwas über Trauer wissen sollten, bevor sie uns erwischt.

Suizid und die kirchliche Trauerfeier

Wie man als Bestatter mit Suizid umgeht -Teil 3

Mir macht der Tod Mut

Am 28.12.2014, vormittags gegen 11 Uhr bin ich verstorben. Das Letzte, an das ich mich erinnern kann, ist, wie mein Kreislauf zusammen gebrochen ist. Es fühlte sich an, wie das Fallen in der steilsten Achterbahn, die man sich nur vorstellen kann. Dann war Totenstille.