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Über Urnen, Abschiede und Nachhaltigkeit

Wir durften mit Ina Hattebier über ihre Kunst und Leidenschaft des Urnenherstellens sprechen.

Ich hab gelesen, dass Sie eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin gemacht haben. Was hat Sie zu der Ausbildung verleitet?

In erster Linie wollte ich ein tieferes Verständnis dafür bekommen, was Trauer mit Menschen macht. Als Quereinsteigerin in die Bestattungs- und Trauerkultur hatte ich natürlich viele Fragen, die dort Raum hatten. Ich konnte auch meine eigene Trauerbiografie begreifen und dadurch mein persönliches Verhältnis zu den Themen Trauer, Tod und Sterben klären.

Wie sind Sie zu diesen ganz speziellen, besonderen Urnen gekommen? Hat sich Ihr Konzept über die Zeit entwickelt oder ergab es sich schnell?

Das war ein längerer Prozess. Ich habe mit Pflanzenmaterialien experimentiert, Farben aus Pflanzen hergestellt, Papier geschöpft und suchte nach einer Möglichkeit, weitergehend mit Pflanzenpapieren zu arbeiten. Das Interesse für Trauerprozesse und unsere Trauerkultur lief praktisch die ganze Zeit parallel, es gab aber noch keine Berührung. Irgendwann kam mir dann die Idee, Urnen mit Pflanzenpapieren zu erstellen, und so konnte ich diese beiden Stränge miteinander verbinden.

Warum liegt Ihnen Nachhaltigkeit so besonders am Herzen?

Natalie Knapp schreibt in ihrem Buch „Der unendliche Augenblick“: „… es ist vernünftig, Hoffnung zu haben.“ Wir sind ja nicht nur winzige Teilchen in einem großen Prozess! Wenn ich die Perspektive wechsle, sehe ich: Ohne die Teilchen gäbe es den Prozess nicht. Ich finde es wichtig, mich von der Hoffnung inspirieren zu lassen, ins Handeln zu kommen. Da, wo ich stehe, etwas zu tun, meinen Blick zu schärfen für die Folgen meines Handelns. Dabei ist Vergänglichkeit für mich ein positiv besetzter Begriff, ich verbinde damit die Wandelbarkeit generell und das Werden und Vergehen in der Natur. Es bereitet mir Freude, etwas herzustellen, was wieder vergeht. Da ist es sehr begrüßenswert, dass auch in der Bestattungsbranche das Thema Nachhaltigkeit zunehmend ernst genommen wird.

Bleibt es bei den Urnen oder haben Sie vielleicht auch über weitere, ähnliche Produkte nachgedacht?

Auf meiner Website biete ich etwas Besonderes an, was mir sehr am Herzen liegt: kleine Aschenkapseln für verstorbene Kinder – dafür nutze ich spezielle Papiere. Ich habe auch schon Kindersärge mit Papieren bezogen oder Gefäße für das Aufbewahren von Erde aus Gräbern, die aufgelassen werden mussten, angefertigt. Da gibt es viele Möglichkeiten. Darüber hinaus ist es äußerst befriedigend, Urnen herzustellen: Sie sind für besondere Stunden gemacht, schützende Hülle für einen kostbaren Inhalt, sie bleiben in Erinnerung und ich bekomme viel wertschätzende Rückmeldung – ich bleibe dabei. ;-)

Ich kann mir vorstellen, dass die Zusammenarbeit mit Ihnen und die Auswahl der Urne mehr als nur ein quasi nötiger Teil der Abschiedsgestaltung ist. Können Sie den Prozess, wenn jemand zu Ihnen kommt und eine Urne in Auftrag gibt, beschreiben?

Ja, für mich ist es eine schöne Herausforderung, gemeinsam mit anderen eine Urne zu entwickeln. Das tun wir entweder per Telefon und Mail oder bei einem Termin in meinem Atelier. Meist bringen die Zugehörigen schon eine Vorstellung über Farben oder Motive mit, die erste Ansatzpunkte für die Gestaltung liefert. Im Austausch kommen wir dann mittels Skizzen und Papierproben zu einem ersten Entwurf, den ich dann umsetze, fotografiere und präsentieren kann. Dann erfolgt die gemeinsame Schlussabstimmung. Wenn ich im Vorfeld etwas über die verstorbene Person erfahre und dieses Wissen meine Arbeit begleitet, ist das besonders erfüllend. Es ist eine ehrenvolle Aufgabe, diese letzte Hülle gestalten zu dürfen.

Sie haben außerdem das Netzwerk Trauerkultur mitbegründet und initiieren auch die Death Cafés in Hamburg. Da kommen Sie regelmäßig zusätzlich in den Austausch zum Thema Tod. Wie ist Ihrer Meinung nach unser gesellschaftliches Verhältnis zum Thema Sterben & Tod?

In unseren Death Cafés spüren wir, wie groß das Bedürfnis nach Austausch über diese Themen ist. Mein Eindruck ist, dass das Bewusstsein, wie sehr Trauerprozesse unser Leben prägen, wächst. Und dies nicht erst dann, wenn wir an den Tod denken oder mit ihm in Berührung kommen. In verschiedenen Lebensphasen, in Beziehungen und auch im Arbeitsleben sind wir immer wieder aufgefordert, Abschied zu nehmen, uns mit Verlust und der Trauer darüber auseinanderzusetzen. Wenn wir uns das eingestehen und es auch gesellschaftlich den anderen zugestehen, wird das für alle ein wichtiger Schritt in Richtung hin zu mehr Menschlichkeit sein. Es gibt natürlich immer noch viel zu tun, aber mein Eindruck ist: Da ist viel in Bewegung.

Gibt es etwas, das Sie sich für die Bestattungsbranche wünschen würden?

Gerade jetzt in „Coronazeiten“ gibt es viele Anforderungen, auf die die Branche reagieren und zeigen kann, wo ihre Stärken liegen. Wenn ich manche Bestatter-Accounts auf Instagram sehe, wo sich die Bestatter als Transportunternehmen zwischen Krankenhaus, Kühlung und Krematorium darstellen, die jetzt mit Corona richtig was zu tun haben, finde ich das sehr befremdlich. Ich wünsche mir, dass alle Bestatter*innen trotz dieser Umstände einen achtsamen Umgang mit den Verstorbenen pflegen, Abschiednahmen am Sarg ermöglichen, erfinderisch sind, wenn es darum geht, auch mit den Beschränkungen berührende Abschiedsfeiern möglich zu machen.

Zu guter Letzt: Haben Sie ein Lebensmotto?

Ich bin eine Lernende und es ist ganz interessant für mich zu beobachten, dass ich immer wieder darauf stoße, wie sehr meine Herkunft mich geprägt hat. Ich sehe meinen Großvater mit einem Apfel am Tisch sitzen. Er hat den Apfel in seinem Obstgarten vom Baum gepflückt. Bedächtig schneidet er ihn mit dem Taschenmesser auf und guckt: Sind die Kerne schon braun? Ist er schon reif? Schmeckt er schon? Von ihm habe ich auch das Schiller-Zitat im Kopf:

Das ist’s ja, was den Menschen zieret, Und dazu ward ihm der Verstand, Dass er im innern Herzen spüret, Was er erschafft mit seiner Hand.

Das klingt ziemlich pathetisch, ist aber im Prinzip schon ein Plädoyer für Nachhaltigkeit und den bewussten Umgang mit den eigenen Fähigkeiten.

Luna Schön im Interview mit Ina Hattebier

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