Die Hamburger Bestatter-Meisterin Nathalie Jess spricht im ersten Teil ihrer Artikelreihe "Wie man als Bestatter mit Suizid umgeht" über den Umgang mit Angehörigen, die einen geliebten Menschen durch Suizid verloren haben. Für Nathalie ist klar, die Angehörigen brauchen in diesem Fall noch mehr als 100 % Ehrlichkeit, Einfühlsamkeit, Wertschätzung und Klarheit.

Anmerkung der Redaktion: Unsere Interview-Partner und Autoren beschreiben ihre Erfahrungen zum Thema mentale Gesundheit und Suizid ehrlich und sehr offen. Daher bitten wir euch stets auf euer Bauchgefühl zu hören und abzuwägen ob ihr diesen Inhalt gerade lesen könnt und möchtet. Bei den Autoren bedanken wir uns von ganzem Herzen für ihre Geschichten und ihren Mut.

Jeder Tod ist anders – jeder Freitod auch!

Bei der ersten Bestattung, die ich mit dem Hinweis Suizid annahm, war ich sehr nervös. Ich saß vor dem Gespräch im Auto, atmete tief durch und sagte mir „Du machst das schon“. Ich war zu Unrecht aufgeregt, denn mich empfing eine freundliche, herzliche, liebevolle, friedliche Familie, die wohl auch im Leben einen Kreis um Ihrem Verstorbenen bildeten. Sie berichteten mir von der unfassbaren Lösung, dem Ende des Lebens, die der geliebte Ehemann, Onkel, Bruder, Freund gefunden hat – ein kreativer Mann mit Liebe zum Detail.

Der Verstorbene hinterließ viele Anweisungen und Wünsche, so wie liebe Worte für seine Frau. 

Der zweite Suizid war ganz anders. Mir begegnete eine zerrissene Familie in Momenten voller Wut, die den Ausstieg aus der Aufgabe Leben als feige und beleidigend empfand. Man habe doch immer geholfen und alles getan und das sei nun der Dank. Alle Welt würde über die Familie nun reden. Der Verstorbene hinterließ viel Unerledigtes, Geheimnisse und minderjährige Kinder. 

Beide Familien veränderten sich im Laufe der Wochen, in denen ich sie begleiten durfte. Die Einzelgespräche waren sehr intensiv und sie hielten den Kontakt zu mir als Bestatterin noch sehr lange. 

Mut zur Wahrheit 

Die Angehörigen brauchen in diesem Fall noch mehr als 100 % Ehrlichkeit, Einfühlsamkeit, Wertschätzung und Klarheit. Man benötigt auch einen guten Blick für die Energien im Umfeld der Angehörigen um aufzufangen, Mut zu machen und an den richtigen Stellen fürsorglich zu sein und nicht zu überfordern. Es ist wichtig mutig die Wahrheit auszusprechen und als Bestatter nicht das Leugnen der Tatsachen aufzunehmen, welches Angehörige sich aus Schamgefühl häufig selbst aneignen. Genau, wie der Tod nicht „schlafen“ bedeutet, so ist auch ein Suizid kein Unfall. 

Die Wahrheit, gleich wie schrecklich sie ist, liebevoll und behutsam auszusprechen ist wichtig- auch wenn die Angehörigen zusammenschrecken werden. Dieses Wort allein, „Suizid“ ist schon allein schwierig auszusprechen, doch es ist ein Handreichen, ein Zeichen. Dafür, dass man die Realität, so schrecklich diese auch sein mag, benennen muss und dass man trotzdem im Gespräch bleiben kann, ohne vor der Wahrheit oder gar aus dem Raum zu fliehen. 

Die Nachsorge

Es ist ein erster Schritt auf einem langen Weg. Häufig begleiten wir als Bestatter Angehörige einige Wochen – manchmal wird auch noch nach der Beerdigung Kontakt gesucht. Oft fällt der Weg zu einer Trauergruppe nämlich meist noch zu schwer. Doch die Erfahrung, dass jemand außerhalb des engsten Kreises mit der Realität wertfrei umgehen konnte, kann ein Anker für die Angehörigen sein. Gespräche im engsten Kreis sind oft zu noch zu schmerzhaft und von vielen ambivalenten Gefühlen geprägt. Als Bestatter dürfen und müssen wir Hilfsangebote empfehlen oder Hinweise geben, die helfen könnten und vor allem sollten wir Mut machen.

Mir ist bewusst, dass der Arbeitsalltag eines Bestatters nicht immer die Kapazität aufweist die „Nachsorge“ ausführlich zu betreiben. Aber ein wachsames Herz wird einem zeigen, wann was wichtig ist und wann man deutlich von sich weg verweisen muss. Wenn man als Bestatter nicht auch Grenzen setzt, kann es natürlich ganz persönlich belastend werden. Daher ist es richtig und auch das Beste den Angehörigen Alternativen zu Gesprächen und weiterführende Unterstützung bei spezialisierten Organisationen und Gruppen vorzuschlagen.

Geschrieben von: Nathalie Jess


Die Hamburgerin Nathalie Jess hat erfolgreich die Meister-Prüfung im Bestattungshandwerk absolviert, ist die Inhaberin der “Hamburger Bestattungsstube” und arbeitet beim GBI.  Mit all ihrer Erfahrung und ihrem einfühlsamen und lösungsorientierten Denken ist sie ein sehr wertvolles Mitglied unseres Netzwerks. Mit viel Engagement bringt sie sich immer wieder gerne ein und steht mit Rat und Tat zur Seite, sobald es um den Austausch über das Lebensende geht. Sie versteht den Tod als unmittelbaren Teil des Lebens und verkörpert dies durch ihre offene Art darüber zu sprechen. Vielen herzlichen Dank für diese spannende Reihe über drei Teile zu diesem Thema!

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