5 Gedanken zu Corona von... Silke Schuemmer

"Nutzen wir diese Zeit für möglichst viel Positives.".

Silke Schuemmer ist Trauerrednerin aus unserem Netzwerk und empfiehlt in unserem Interview: "Nutzen wir diese Zeit für möglichst viel Positives und setzen wir neue Prioritäten.".

An welchem Punkt haben Sie persönlich festgestellt, dass COVID-19 spürbare Auswirkungen auf das persönliche Leben und auf das ihrer Mitmenschen hat?

Im April hätte eigentlich eine Reise nach Antwerpen angestanden, und auf der Fahrt dorthin wollte ich ein paar Tage meine Eltern und meine Schwester besuchen. Als das Hotel gecancelt, die Zwischenübernachtungen, meine Katzenhüter und alle Verabredungen abgesagt waren, wurde mir klar, dass ich gar nicht weiß, wann und ob ich meine Familie wieder sehen werde.

Was hat sich in den letzten Wochen konkret in ihrem Leben geändert? Wie fühlt sich das an?

Da ich sowieso meist zu Hause arbeite, hat sich gar nicht so viel geändert. Manchmal kommt es mir absurd vor, dass in der Welt eine Katastrophe passiert und in meiner kleinen Blase eigentlich Alltag ist. Beruflich liegt aber natürlich alles auf Eis. Versammlungen sind verboten, die Trauerhallen sind geschlossen, es gibt bis auf Weiteres keine Abschiedsfeiern und damit auch keine Trauer-Reden.

Was geht Ihnen durch den Kopf, während Sie die Entwicklungen tagtäglich mitverfolgen?

In einer besonders verstörenden Reportage berichtete eine italienische Ärztin, dass die sterbenden Patienten ihre Angehörigen nicht sehen dürfen und alleine sterben müssen. Niemand hält ihnen die Hand. Und genauso allein wie die Sterbenden sind anschließend die Hinterbliebenen, die in Quarantäne oder Isolation sein müssen, mit ihrer Trauer. Das ist etwas, das ich ganz wichtig finde: Dass wir, die wir beruflich Bestattungen begleiten, sobald es wieder möglich ist, unbedingt jeder einzelnen Familie das Gefühl geben müssen, dass ihr Verlust zählt, dass ein Tod nicht weniger dramatisch ist, nur weil so viele andere Menschen auch gestorben sind. Nichts kann den Tod relativieren.

Heute, in einem halben Jahr- was glauben Sie was uns da erwartet und was könnten längerfristige Konsequenzen sein?

Ich will mal optimistisch sein und hoffe, dass es in einigen Bereichen ein Umdenken geben wird. Ich hoffe, dass die MitarbeiterInnen in medizinischen und pflegerischen Berufen endlich angemessen bezahlt werden und unter vernünftigen Umständen arbeiten können. Ich hoffe, dass eine neue Wertschätzung für Kunstschaffende entsteht. Ich hätte nichts dagegen, wenn sich das Händeschütteln durch eine andere freundliche und kontaktfreie Geste ersetzen würde. Und ich hoffe, dass alles noch da ist in einem halben Jahr, angefangen von allen Menschen, die wir kennen und lieben, bis hin zum kleinen Kiosk an der Ecke.

Wenn Sie aktuell einen kurzen Augenblick hätten, in dem Ihnen die ganze Welt zuhört - was würden Sie sagen/raten?

Diese Zeit wird vorbei gehen, aber wir wissen nicht, was noch kommt. Sagen und zeigen wir unseren Familien und FreundInnen deshalb jetzt, dass wir sie lieben. Nutzen wir diese Zeit für möglichst viel Positives und setzen wir neue Prioritäten. Konzentrieren wir uns auf Solidarität, Hilfsbereitschaft, Geduld und Phantasie. Fragen wir uns jetzt, in was für einer Welt, in was für einer Geisteshaltung und in was für Beziehungen wir leben wollen, und fangen wir heute damit an, unser Leben nach Corona zu gestalten.

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Am 28.12.2014, vormittags gegen 11 Uhr bin ich verstorben. Das Letzte, an das ich mich erinnern kann, ist, wie mein Kreislauf zusammen gebrochen ist. Es fühlte sich an, wie das Fallen in der steilsten Achterbahn, die man sich nur vorstellen kann. Dann war Totenstille.